Reigen (Arthur Schnitzler)

Zwei Darsteller, zehn Rollen, viel Klasse

Mit einer überzeugenden Adaption von Schnitzlers „Reigen“ brillierten Claudia Wenzel und Rüdiger Joswig im Lindauer Stadttheater, David Hare hat den zwischenzeitlich veränderten Beziehungen zwischen Frau und Mann in seinem Stück Rechnung getragen, und so teilt es sich seit 1998 unter dem Namen „The Blue Room“ den immer noch ein wenig anrüchigen Ruf mit seiner berühmten Vorlage.

Denn darum geht es im Grunde: den Drang zur Kopulation, den sowohl Schnitzler als auch Hare bei allen Gesellschaftsschichten ausmachen, in Zusammenhang mit Machtausübung, Verlogenheit und Manipulation zu sehen. Schnitzler geht da ziemlich zynisch vor, bei David Hare bleibt immerhin noch ein Rest von Gefühl, vielleicht sogar Liebesdrang. In der überaus gelungenen Regie von Pia Hänggi – das weibliche Geschlecht zeichnete auch für Bühnenbild, Kostüme und Maske verantwortlich – machten sich lediglich zwei Darsteller über die zehn Rollen und somit übereinander her. Eine Laufschrift über dem Bühnenhintergrund klärte die Zuschauer derweil über den Stand der augenblicklichen Begegnung und die jeweilige Dauer des schließlich erfolgten Geschlechtsaktes auf. Fazit: Der verbale Aufwand zuvor (meist männlicherseits) schien die erhoffte Kondition währenddessen (weiblicherseits) erheblich zu beeinträchtigen.

Dabei erfüllte Claudia Wenzel als Protagonistin der gesellschaftlich aufsteigenden Rollen (von der harmlosen Dirne über das neckische Au-Pair-Mädchen, vom Model über die frustrierte Gattin bis zur exaltierten Schauspielerin) nicht nur äußerlich alle Voraussetzungen, die dieses wenig schmeichelhafte Konditions-Ergebnis hätten ein wenig korrigieren müssen.

Gleichwohl war es natürlich ein guter Theatergag, diese Zeitangaben von bedauerlichen 45 Sekunden bis – zur Ehrenrettung sei es gesagt – zu einmaligen zwei Stunden und 18 Minuten (der Politiker und das Model) so unübersehbar einzublenden.

Rundum vergnüglich

Den Wechsel von einer Rolle in die nächste und den damit verbundenen, oftmals aufwändigen Kostümwechsel vollbrachten beide Darsteller in atemberaubendem Tempo. Da wird Claudia Wenzel es geradezu als Erleichterung empfunden haben, wenn sie die eine oder andere Szene nackt oder im durchsichtigen und hocherotischen Body zu Ende bringen konnte, um für die nächste wenigstens diesen Teil schon hinter sich zu haben. Ebenso eindrucksvoll wie ihre makellose Figur war die Eindeutigkeit, mit der sie jeder ihrer Rollen Charakter, Unverwechselbarkeit und Ausstrahlung verlieh. Ihre diesbezügliche Wandlungsfähigkeit übertraf in diesem Punkt sogar noch diejenige von Rüdiger Joswig, der es allerdings auch etwas, schwerer hatte, dem jungen Studenten ebenso viel Authentizität zu verleihen wie etwa dem zwanghaften Politiker oder dem Aristokraten. Gleichwohl: Beider Spiel hatte Klasse, sorgte für aufregende Abwechslung und ließ die Skandalträchtigkeit der einstigen Uraufführung spüren: Ein rundum vergnüglicher und unterhaltsamer Theaterabend, der genügend Raum für die Unbehaglichkeiten der vorgegebenen Thematik ließ.