Herbe Gesellschaftskritik durch Woyzeck-Schauspieler
Das Theater nahezu ausverkauft, tief beeindruckte Zuschauer am Ende der Vorstellung: Georg Büchners „Woyzeck“ scheint nichts von seiner Faszination verloren zu haben. Die Landesbühne Sachsen-Anhalt setzte das Stück zeitgemäß um, ohne ihm deswegen Gewalt anzutun.
„Es war einmal ein arm Kind und hatt kein Vater und keine Mutter, war alles tot, und war niemand mehr auf der Welt“. Im Woyzeck findet dieser ansonsten verheißungsvolle Märchenbeginn kein Happy End, denn kurz nach dieser Erzählung ersticht der einfache Soldat Franz Woyzeck seine Marie. Es ist kein Mord aus Eifersucht oder Wut, sondern eine Verzweiflungstat.
Büchner hat es in seinen drei hinterlassenen Bruchstücken offen gelassen, ob sich Woyzeck dann ertränkt oder er bei einer Gerichtsverhandlung zum Tode verurteilt wird – ganz so wie es dem historischen Woyzeck widerfuhr.
Jedenfalls endet diese todtraurige Geschichte mit dem Satz: „Und da hat sich’s hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und is ganz allein.“
Auch Regisseur Ulrich Fischer lässt den ohnehin fragwürdigen Ausgang offen. Er konzentriert die Darstellung der Titelfigur, die Florian Wegner so famos umsetzt, auf dessen Leere und Einsamkeit. Dabei gelingt ihm vor allem Büchners Hauptanliegen: Zu zeigen, wie Woyzeck als Exemplar der untersten Klasse weder Halt in der Religion noch in der Gesellschaft findet – um schließlich sogar noch von Marie, seinem einzigen menschlichen Halt, betrogen und damit vollends ausgeschlossen zu werden.
Discomaus Marie lenkt sich ab
Marie, die Friederike Butzengeiger als harmlose und oberflächliche Discomaus gibt, kann dem Kaufhausrummel und der fröhlichen Discowelt kaum widerstehen, um dem tristen Alltag zu entfliehen. Und Woyzeck mit seinen trüben Gedanken, den unheimlichen Halluzinationen und keinerlei beruflicher Perspektive ist nun wirklich nicht der Mann, der sie zwischendurch auf heitere Gedanken bringen könnte. Das besorgt in diesem Fall nicht der „Tambourmajor“, sondern ein knackiger Mann der Kaufhaus-Security.
Derweil verdient sich Woyzeck als Tagelöhner sein Geld, in dem er etwa für einen Hauptmann niedere Dienste verrichtet und dabei merkt, dass dieser ihm auch noch nach dem Rest seiner Würde trachtet. Ralph Richter, der in Lindau schon als Faust eine überzeugende Figur machte, beeindruckt auch in dieser Rolle. Dies tut auf ihre Art auch die perfide Frau Doktor, die Woyzeck als Testperson missbraucht. Sie versieht diese Rolle mit eiskalter wissenschaftlicher Berechnung, denn es geht ihr allein um das Ergebnis ihres Experiments – auf die Idee, wie sich der Betroffene dabei fühlt, kommt so jemand natürlich nicht. Für beide, den Hauptmann und die Doktorin, erfüllen Menschen dieser „Unterschicht“ allenfalls einen Zweck.
Keine kriminelle Energie
Mit der Frage nach Woyzecks Befinden aber, hat sich offenbar sehr intensiv Regisseur Ulrich Fischer beschäftigt. Mit Florian Wegner hat er einen Darsteller ausgewählt, der das Woyzeck-Schicksal glaubwürdig und mit beklemmender Intensität umzusetzen versteht. So ging es am Ende gar nicht mehr um die Frage, ob die damalige Justiz oder Gesellschaft gerecht über einen solchen Mord urteilen kann.
Dass seine Motive gewiss nicht krimineller Energie, sondern einer unermesslichen Einsamkeit und den Widerwärtigkeiten eines sozialen Milieus entsprangen, von dem diese vermutlich keinerlei Vorstellung hatten, hat die Inszenierung der Landesbühne Sachsen-Anhalt auf beklemmende Weise herausgearbeitet.