Wie eine Freundschaft der Nazikarriere geopfert wird
60 Minuten und ein packend gelesener Briefwechsel können genügen, um daraus einen großen Theaterabend zu machen. „Empfänger unbekannt“, der Briefroman von Kressmann Taylor erschien 1938. Dort wird veranschaulicht, wie der aufkeimende Nationalsozialismus einen tödlichen Keil zwischen eine gewachsene Männerfreundschaft treibt.
In San Francisco waren der Jude Max Eisenstein und der deutsche Einwanderer Martin Schulze nicht nur dicke Freunde, sondern auch erfolgreiche Geschäftspartner in einer Kunstgalerie. Ganz nebenbei hatte Martin auch noch eine Affäre mit der Schauspielerin Gisela, der Schwester seines jüdischen Freundes. Ende 1932 kehrt Schulze nach München zurück, wo er mit seiner Familie ein vornehmes Anwesen bewohnt und als angesehener Bankier seinen Reichtum vermehrt.
„Schreib mir nicht mehr“
An dieser Stelle – man schreibt den 11. November 1932 – setzt der Briefwechsel zwischen den beiden Männern ein, den jetzt Walter Renneisen und Jochen Nix auf der Bühne des Stadttheaters in große Schauspielkunst umformten. Denn was als Loblied auf die einstmals innige Freundschaft zwischen Max und Martin beginnt, wird zusehends zersetzt von nationalsozialistischem Gedankengut, das sich in den Briefen aus Deutschland einnistet.
Nur vier Monate wird es schließlich dauern, bis nach dem „P.S.“ aus Amerika („wer ist denn dieser Hitler?“) die Aufforderung aus Deutschland erfolgt, „mir nicht mehr zu schreiben – wir sind keine Freunde mehr“.
Kurz danach nimmt das Stück eine unerwartete Wendung, die zu einem überraschenden Finale führt und ihm so eine noch dramatischere Wirkung verleiht. Zwei Briefe werden es im Laufe des Stückes werden, die mit dem Vermerk „Empfänger unbekannt“ zurückkommen. Sie waren an zwei Menschen gerichtet, die auf geradezu gegensätzliche Weise in die tödlichen Fänge der Nazis geraten sind.
Walter Renneisen vollzieht den Wandel vom integren Freund, der zunächst seine Zweifel an der nationalsozialistischen Entwicklung hat, bis hin zum „deutschen Patrioten“ mit hohem schauspielerischem Einsatz, so konnten die Jüngeren im Publikum wohl eine Ahnung von dem bekommen, was sich damals zusammenbraute und wie sich scheinbar charakterfeste Menschen in fanatische Mitläufer verwandelten. Zeitgenossen aber werden möglicherweise so manches nacherlebt haben, was heute unvorstellbar erscheint.
Nix verleiht Eisenstein Würde
Jochen Nix verleiht Max Eisenstein Sympathie und Würde. Seine Fassungslosigkeit, wie er mit ansehen muss, dass den Juden in Europa „von dem großen Kulturvolk ein neues Martyrium droht“, wirkt glaubhaft und authentisch. Als der Tod schließlich auch in der Familie Max Eisensteins zuschlägt, spielt Nix den Wandel vom unerschütterlichen Freund zum gnadenlosen Racheengel sensibel, aber mit intelligenter Entschlossenheit.
Das alles hat sich unmittelbar aufs Publikum übertragen, das überaus zahlreich erschienen war und von allen Altersgruppen repräsentiert wurde. Der Beifall ließ darauf schließen, dass wohl auch alle gleichermaßen begeistert waren.