LINDAU – Es ist eine umfangreiche Tournee, die Giora Feidman jetzt auch nach Lindau – der 27. Stadt seit dem 5. November – geführt hat. Doch nichts in diesem Konzert ließ den Gedanken an Routine aufkommen. Feidmans unnachahmliche Art, die Klarinette zu spielen und ihr jene typische Ausdruckskraft zu verleihen, hat auch in der gut gefüllten Inselhalle gezündet.
So beruhigt man die Menge: Während seine Musiker und das Publikum eine Weile dem musikalischen Auftakt entgegensehen, schwebt auf einmal Klarinettenklang über dem Getuschel. Der Meister verläßt leise spielend die gegenüberliegende Küche, nähert sich langsam der Bühne und hat die Leute schon in Bann gezogen, bevor er sie überhaupt betritt.
Natürlich ist der 66-jährige Giora Feidman ein alter Bühnenhase. Wann geklatscht wird, wann sein bodenständiger, zugleich verschmitzter Humor zum Einsatz kommt oder wann seine hochqualifizierten Mitstreiter wegen ihrer wahrlich kunstvollen Soli an der Rampe ihren Applaus abholen – das alles fügt sich zu einer organischen, wohlkalkulierten und dabei überaus sympathischen Bühnenshow. Ihr Wesen aber besteht darin, vollkommen unspektakulär, ganz dem instrumentalen Können verpflichtet, einen Streifzug durch die Welt des Tango Nuevo und der Klezmer-Musik zu unternehmen. Dabei kommt es zu frappierenden Klangbegegnüngen zwischen den Großmeistern ihrer Zunft – neben Giora Feidman vor allem mit dem Bandoneon-Spieler, Arrangeur und Komponisten Raul Jaurena. Zusammen mit dem Gitarristen Aquiles Baez und dem Bassisten Ken Filiano agiert da ein Quartett, das blind aufeinander vertrauen kann. Das gibt ihm die Freiheit, immer wieder auch die heiteren Seiten seiner Kunst hervorzuheben.
Zu beschreiben, wie Feidman seine Klarinette zum Singen, Sprechen und Weinen bringt, hieße Eulen nach Athen tragen: Denn von Beginn an zeigte sich das Publikum wohl vertraut mit seiner Musik, summte artig mit und war beim Refrain „Shalom Haverim“ sofort zur Stelle. Die Art, wie Feidman zum Mitsingen einlud, hatte dabei nichts Künstliches und war weit entfernt von der üblichen Aufforderung zu plumper Mitmache.
Sein Glaube an die verbindende Kraft der Musik, den er nicht müde wird als sein eigentliches musikalisches Credo zu bezeichnen, klingt aus seinem Munde ehrlich und nährt sich vermutlich sogar aus den vielfältigen Erfahrungen seines Künstlerlebens. Gleichwohl wird das Publikum in erster Linie von den musikalischen Darbietungen gepackt und mitgerissen – und wohl auch von der Lebensleistung dieses Mannes, dem es gelungen ist, den Begriff „Klezmer“ unmittelbar mit seinem Namen zu verbinden. Dafür liebt ihn sein Publikum, füllt die Säle und spürt, dass ein Konzert mit Giora Feidman nicht nur großartige Unterhaltung bietet, sondern eine ganze Menge mit Kultur zu tun hat.