Wenn aus historischem Material gutes Theater wird
Neulich das von Anne Frank und jetzt noch ein paar weitere junge Leben, die vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges ausgelöscht wurden: vom Kulturamt kommt derzeit einiges, was über den Weg des Theaters zum Geschichtsverständnis beiträgt. Nicht zuletzt durch eine überzeugende Regie wurde „Die Weiße Rose“ zu einem eindrucksvollen Beispiel, wie aus historischen Material gutes Theater entstehen kann. Ein volles Haus mit überdurchschnittlich vielen Jugendlichen war Ausdruck für das Interesse an solchen Angeboten.
„Angst ist das Ende jeden großen Gedankens.“ Als Sophie Scholl diesen Satz sprach, dürfte ihr kaum das Fallbeil, das sie nur fünf Tage nach ihrer Verhaftung richten würde, in den Sinn gekommen sein. So war es auch eine Stärke dieser Inszenierung, dass die reale Bedrohung noch kaum zu spüren war, als das Stück ganz unvermittelt mit Verhören in den Gestapo-Räumen begann. Mit Ralph Richter saß da ein geradezu sympathischer Kriminalobersekretär zu Gericht, der alles tat, um wenigstens Sophie vor der Hinrichtung zu bewahren.
Das Stück der Argentinierin Lillian Garrett-Groag macht nicht den Versuch einer Dämonisierung, sondern rückt die Mechanismen der damaligen Machtstrukturen in den Vordergrund, denen kaum zu entrinnen war, sobald man in ihr Visier geraten war. Es macht auch deutlich, wie sicher sich „Die Weiße Rose“ nach der Stalingrad-Tragödie war, dass ihre Flugblatt-Aktion zu einer endgültigen Formierung des Widerstandes beitragen würde. Nadine Ehrenreich und Tobias Triebswetter kommen dem Bild, das man von den Scholl-Geschwistern hat, sowohl optisch als auch in ihrer spielerischen Glaubwürdigkeit ziemlich nahe.
Da sind einerseits ihre reifen Einsichten – „die Leute sind in Ordnung, sie haben nur Angst“, andererseits aber auch ihre unendliche Verzweiflung, die von den beiden mit großer Überzeugungskraft umgesetzt werden. Die dramaturgisch gezielt eingesetzten Rückblenden zeigen den kreativen Studentenkreis, wie er sich zum Widerstand formiert. Ihm gehören die später ebenfalls hingerichteten Alexander Schmorell (Manfred Lohe), Christoph Probst (Eckhard Greiner) und Willi Graf (Nanad Zanic) an.
Der fast heitere, erfrischend dargebotene Spielbeginn lässt die lauernde Todesgefahr kaum erahnen und vertraut ganz auf die Folgen, den der Konflikt zwischen dem krankhaft fanatischen Mahler (Dimo Wendt), der um jeden Preis Blut sehen will, und dem zwar ranghöheren, aber besonneren Robert Moor nach sich ziehen wird. Dimo Wendt kennt dabei all die hässlichen Fratzen, die vom Vernichtungswillen künden, und er trägt sie dick auf. So ist es nicht nur sein Spiel, das im großartig konzipierten Bühnenbild – ein weißes, gewölbeartiges Gebäude mit Textausschnitten der verhängnisvollen Flugblätter – so stark zur Wirkung kommt.
Auch die Präsenz der anderen Darsteller wird zum Mittelpunkt, wo nichts weiter als ein langer weißer Tisch mit Telefon, zwei Stühle und fünf Türen im hinteren Halbrund zur Stringenz dieser Inszenierung gehören. Zwar erschreckend, als Theatereffekt jedoch großartig dann das Schlussbild, wo jeder der fünf Hingerichteten reglos hinter einer dieser Türen lehnt, die jetzt dank einer raffinierten Beleuchtung wie fünf Särge aussehen.
Erst nach langen Sekunden der Betroffenheit regt sich dann erster Beifall, der schon bald zu der Lautstärke anschwillt, die diesem eindrucksvollen Theaterabend angemessen ist.