Vom Weibchen zur Frau
war es der passende Auftakt zu den Frauenkulturtagen: Ibsens „Nora“, die auch 125 Jahre nach ihrer Entstehung so viel unglaubliches Anschauungsmaterial zum Thema „Rollenverständnis in der Ehe“ liefert, dass man es gern für übertrieben halten würde. Es waren auffallend viele junge Menschen, die sich das im Stadttheater anschauen wollten.
Ein Stück voll packender Intensität, ein Stück aber auch, bei dem mächtig geraunt und kopfgeschüttelt wird: Das „Puppenheim“, das Advokat Helmer seinem Weibchen Nora in acht Jahren Ehe errichtet hat, bekommt auf einmal einen so heftigen Stoß, dass man sich über die bis dahin gemachten Erfahrungen dieser großen Theaterfigur nur wundern kann. Wie Ehemann Helmer selbst am Ende nicht die leiseste Ahnung davon hat, dass das grandiose Scheitern seiner Ehe etwas mit seinem Welt- und Frauenbild zu tun hat, gehört in seiner Eindrücklichkeit und Konsequenz zu den großen Momenten der Theaterliteratur.
Solche Momente herzustellen, war nun Aufgabe der mehrheitlich österreichischen Schauspieltruppe, die Angela Reyer für ihr erstes „Theater Tour“-Programm zusammengestellt und dem Regisseur Michael Gampe zur Einstudierung übergeben hat. Um es vorweg zu nehmen: Es wurde ein eindrucksvoller Theaterabend, und dafür waren das gut aufeinander abgestimmte Ensemble, vor allem aber die glänzend besetzte Titelfigur verantwortlich.
Vor kargem Bühnenbild, aber umso wirkungsvollerer Lichtregie, setzt Mijou Kovacs als Nora den Wandel vom oberflächlichen Weibchen zur kraftvollen Frau bruchlos um. Ihr Ausbruch in der Schlussszene, in der sie Helmer ihre Enttäuschung, aber auch ihre Entschlossenheit zum Weggang entgegen schleudert, besticht durch spielerische Eindringlichkeit. Selten hat man auch die Szene mit der Tarantella so stimmig gesehen – hier tanzt wahrhaftig eine Frau um ihr Leben.
Reizvolle Inszenierung
Bernd Jeschek als gescheiterter Rechtsanwalt Krogstadt macht auf bewegende Weise anschaulich, wie Menschen sich fühlen, denen Arbeitslosigkeit und berufliches Scheitern den Zugang zum Rest der Gesellschaft verwehren. Gudrun Gabriel als Frau Linde verleugnet sprachlich immer weniger ihre österreichische Herkunft, was als besonderer Reiz dieser Inszenierung verbucht werden kann. Rainer Friedrichsen, der als Doktor Rank zum Familienkreis gehört und sich schließlich als unheilbar Erkrankter outet, weiß mit dem sarkastischen Grundton dieser Rolle überzeugend umzugehen.
Allein Ludwig Kaschke als Advokat Helmer findet lange keine überzeugende Alternative zur vermutlich gewollten Gleichförmigkeit seines Tonfalls, was seine Macho-Rolle noch problematischer erscheinen lässt. Doch in der Schlüsselszene am Ende legt er deutlich zu: Als er mit Nora stark angetrunken vom Tanz zurückkommt und die verhängnisvolle Entwicklung ihren Lauf nimmt, blitzt immer wieder einer jener Augenblicke auf, die einem einfallen, wenn von mitreißendem und großem Theater die Rede ist.