Verdis monumentale Totenmesse

LINDAU – In seiner kurzen Ansprache hat Dekan Gebauer dieses kirchenmusikalische Großereignis – Verdis Requiem – in die Reihe von Gedenkveranstaltungen der amerikanischen Terror-Opfer gestellt. Doch blieb das Besucherinteresse angesichts der erfolgreichen „Künstlerbegegnungen“, die zurecht zum kulturellen Mittelpunkt dieses Wochenendes wurden, wohl hinter den Erwartungen zurück.

Die Gelegenheit, Verdis monumentale Totenmesse in absehbarer Zeit wieder in Lindau zu hören, kommt so bald nicht wieder – und es muss schon Jahrzehnte zurückliegen, falls sie hier schon einmal aufgeführt wurde. Wenn sich also die Möglichkeit bietet, einen Tag nach der Erstaufführung in Bad Wörishofen den einzig möglichen Folgetermin hierher zu buchen, dann scheint diese Versuchung doch größer gewesen zu sein als berechtigte Einwände. Und so fiel diese bemerkenswerte Aufführung ausgerechnet auf ein Wochenende, das zu den veranstaltungsintensivsten des ganzen Jahres gehört. Vielen wird das nicht gefallen haben und Freunde unter den Veranstaltern gewinnt man dadurch auch nicht.

Dabei hatte Kapellmeister Dietmar Gräf kompetente Gesangssolisten und das vorzüglich aufspielende Symphonieorchester Königgrätz aufgeboten, um das gewaltige Werk zusammen mit dem hervorragend präparierten „musica sacra chor“ Bad Wörishofen zu gestalten. Denn die Aufgaben, die Verdi an die nahezu hundert Beteiligten stellt, sind enorm. Gerade der Chor muss sich unterschiedlichsten Stilelementen stellen, muss gregorianische Passagen ebenso beherrschen wie polyphone Abschnitte, die sich etwa in der „Sanctus“-Doppelfuge auftun. In der grandios-schrecklichen „Dies-Irae“-Sequenz mit ihren Blech-, Pauken- und Trommelattacken muss er hörbar bleiben, muss andererseits die vergeistigte Innerlichkeit im „Libera me“ oder dem „Lacrymosa“ aufnehmen. Der „musica sacra chor“ hat sich diesen Vorgaben erstaunlich weit genähert, sich dabei aber im Zweifelsfall für klare Diktion und Textverständlichkeit entschieden anstatt für riskante Ausdrucksformen. Die Sorge jedoch, dieser Chor könnte sich mit diesem Werk vielleicht doch übernommen haben, hatte man so gut wie nie. Dieses Abenteuer würde der renommierte Kirchenmusiker Gräf vermutlich auch gar nicht eingegangen sein.

Die vier Solisten waren mit Ausnahme des gelegentlich zu theatralisch und larmoyant klingenden Basses von Eduard Stocker behutsam aufeinander abgestimmt: facettenreich Sopranistin Raphaela Weil, mit strahlendem Timbre der Tenor Jochen Elbert, und dann vor allem der wohlklingende, ausdrucksvolle Mezzosopran der Polin Barbara Pietrzak, der sich besonders sensibel mit dem Chor, aber auch den anderen Solisten verschmolz.

Verdis Requiem ist reich an bewegenden, ja: überwältigenden Momenten, und die eruptive Kraft so mancher Passage schien selbst die Stiftskirche an der Rand ihres akustischen Fassungsvermögens zu bringen. Doch die Entscheidung des klar und leidenschaftlich dirigierenden Dietmar Gräf, keinerlei dynamische Kompromisse einzugehen, um dadurch etwa die Präzision und Vitalität dieser Aufführung zu gefährden, hat den Eindruck einer stimmigen, mithin bezwingenden Interpretation nur bestärkt. Schade – ein passenderer Termin und dieser Sonntag hätte zum unumstrittenen (und auch von anderen Kirchenmusikern besuchten) Höhepunkt sakraler Musik in diesem Jahr werden können.