Urfaust als ungewöhnlich intensives Theatererlebnis
Wenn Faust auf den Plan tritt, herrscht in bundesdeutschen Stadttheatern Belagerungszustand durch Gymnasiasten. Das Landestheater Schwaben bot ihnen im Lindauer Stadttheater ein packendes Konzentrat des Goethe-Stoffes.
Da wird sich mancher gewundert haben, wie zwei so abstoßend gestylte Männer mit der Anmut einer Birgit Konnry als Gretchen in jene unheilvolle Beziehung treten könnten. Der Trick dazu war nicht schlecht: Fausts rabiater Kuss, den er dem überrumpelten Mädchen verpasste, muss diese so verwirrt, ja geschockt haben, dass sie gegenüber den weiteren Avancen dieses unappetitlichen Herren völlig wehrlos wurde. Peter Höschler gestaltete diese Rolle als frustrierter Wissenschaftler, der seine „no future“-Haltung aus der Erkenntnis gewinnt, dass ihm wohl nichts Neues mehr widerfahren würde.
Unglücklicherweise traut er auch dem Seelenfänger Mephisto im Grunde nicht zu, dass er jenen Augenblick schaffen könne, von dem es heißt: „Verweile doch, du bist so schön.“ Doch der kam dann doch, dezimierte nebenbei Gretchens Familie und machte Mephistos feindliche Übernahme zu dessen Triumph. Die Memminger Inszenierung fokussierte Goethes Drama auf die drei Genannten und Marthe, die als Mittlerin zwischen ihnen benötigt wurde. Das gab dem Stück eine ungeheure Dichte, die dem Regisseur Walter Weyers gestattete, die einzelnen Charaktere sorgfältig auszugestalten. So war Peter Höschlers Begierde nach dem jugendlichen Reiz Gretchens fern jeder Eitelkeit: Hier sah ein verbitterter Alter lediglich seine letzte Chance, unverhoffter Genüsse teilhaftig zu werden, und entsprechend schnell sollte das gehen.
Ernüchternd, wie er nach vollzogenem Akt auf seine Zeitungslektüre nicht verzichten wollte: Der schale Nachgeschmack war durch die räumliche Entfernung zwischen beiden und dem verzweifelten Reinwaschungsversuch von Birgit Konnry großartig eingefangen. Die gallig-ernste, freudlose Deklamation des Faust machte die Unterschiedlichkeit zu der kleinen Welt des reinen Gretchen erst so recht deutlich.
Die Unausweichlichkeit eines verhängnisvollen Schicksals durchdrang jederzeit das Geschehen und machte diesen Theaterabend zu einem ungewöhnlich intensiven Erlebnis.
Peter Pichlers Mephisto geriet nicht zu einem ehrgeizigen Seelenfänger, sondern offenbarte den Frust einer widerwillig übernommenen Rolle mit unabänderlichen Spielregeln. Der Vertrag zwischen ihm und Faust erfüllte keinen von beiden mit jubilierender Genugtuung.
Gewiss schuf die Straffung des Stückes eine Zitatenschwemme, die schon bald einem „Best Of“-Verschnitt gleichkam. Doch erfuhren Goethes großartige Wortschöpfungen durch die Darstellung aller Akteure eine solche Lebendigkeit, dass man die spätfaustschen Auerbachkeller- oder Osterspaziergang-Szenen nicht vermissen musste. Geschickt drang die Inszenierung mit ihrem starken Bühnenbild und der gefühlvollen Beleuchtung zum Kern des Stückes vor, die das Ausbleiben „des Pudels Kern“ getrost vergessen ließ. So bleibt der Eindruck einer Aufführung, die in dieser Geschlossenheit ein eindrucksvolles Plädoyer für die Möglichkeiten fester Ensembles darstellt – ein Highlight der Saison war sie allemal.