Sollten auch Veranstaltungsräume jenen Zustand erreichen, den man „Blüte der Jahre“ nennt, so spricht manches dafür, dass ihm das Zeughaus sehr nahe ist: mit „Unsere Lieblinge“ war ein (Mini!-)Ensemble zu Gast, das an Können und Individualität kaum zu toppen war. Wenn es je Gründe gab, sich über einen versäumten Konzerttermin zu ärgern – hier gab es gleich viele davon!
Angesichts der zwei jungen Männer, die sich lediglich um Kontrabass, Snare-Drum und ein Becken scharten, wollte man seine Erwartungen an diesen Abend nicht allzu hoch schrauben. Und der Umstand, dass der sängerische Weg von Alex Haas und Stefan Noelle beim Tölzer Knabenchor seinen Anfang nahm, muss ja noch lange nicht auf das unerhörte Maß an Fantasie schließen lassen, welches das Zwei-Stunden-Programm der beiden von der ersten Sekunde an bestimmen sollte. Ein Programm nämlich, das sich wie selbstverständlich zwischen „Crocodile Rock“ und Brahms, zwischen Udo Jürgens und „Veronika, der Herbst (!) ist da“ bewegen sollte, einem Programm vor allem, das als Veredelungs-Instrument für herrliche Schnulzen und brave Schlagerseligkeit wie ein Jungbrunnen wirkte.
„Schuld war nur der Bossa Nova“ – wer denkt bei diesem 40 Jahre alten Evergreen von Manuela nicht sofort an die harmlosen Wonnen der damaligen Schlagerzeit, die allenfalls noch ein gnädiges Lächeln bei den Spätgeborenen hervorrufen? Nicht so bei „Unseren Lieblingen:“ in düsteres Moll transponiert, verwandelte sich das Stück auf einmal in eine umwerfende Nummer, die tief in die Sphären von Buena Vista Social Club und brasilianischer Tristessa getaucht schien.
Die schier unbegrenzten stimmlichen Möglichkeiten der beiden erlaubten es auch, dass man erst einmal das italienische Tenor-Original hörte, bevor es sich schließlich als der spritzige Song präsentierte, den wir von Elvis kennen: „Surrender“ in seiner kammermusikalischen Form.
Beinahe wollte man bei soviel unangestrengt wirkendem Musizieren vergessen, dass am Kontrabass ein mehrfach ausgezeichneter Preisträger dieses Instrumentes agierte, der mühelos sowohl Elemente des Jazz als auch der Klassik zu versöhnen wusste. Und dass ein Schlagzeuger schon sehr versiert sein muss, wenn er allein mit Snare-Drum und Becken ein derart mitreißendes Solo hinzauberte, dass das Publikum vor lauter Begeisterung schier tobte, dann spricht auch das für die instrumentale Klasse dieses Duos.
Unterbrochen wurde das Programm immer wieder von geistreichen, oftmals hintergründigen Wortbeiträgen, die den hohen Unterhaltungswert dieses Abends noch erhöhten. Und wenn ihm auch jede Menge von Attributen zugesprochen werden können – Attribute wie amüsant, überraschend, ungewöhnlich oder einmalig -, so wurde mit zunehmendem Verlauf deutlich, dass „Unsere Lieblinge“ sich wohltuend jedem musikalischen Schema entziehen. Daran konnten auch die zahlreichen Zugaben kaum etwas ändern, deren letzte allerdings eine Ahnung vom Geheimnis der beiden Musiker aufkommen ließ. Das Stück hat Friedrich Holländer geschrieben und es nennt sich „Eine kleine Sehnsucht braucht jeder zum Glücklichsein.“