Umwerfend chorische Pantomime

LINDAU – Zwei „unveränderliche Kennzeichen“ haben sich bei den Auftritten des Vokalensembles „a tempo“ inzwischen herauskristallisiert: Zum einen, dass jeder Saal – ob Forum am See oder jetzt der Gewölbesaal – wegen des großen Andrangs aus allen Nähten zu platzen pflegt; und zum anderen die Rückbesinnung auf die Tatsache, dass Singen ungemein viel Freude machen kann.

Diesmal hatte sich Ulrike Friedmann musikalisch im Tierreich umgesehen. Rund 40 Sängerinnen und Sänger begleiteten sie dabei und in den Ruhepausen ließ man das Instrumentalensemble „Petite Reprise“ auf das Klein- und Federvieh los. Zu Beginn aber kreiste der Chor hinterrücks und von zwei Seiten aus erst einmal einen Esel ein und mit diesem kanonartigen Stück „Der Esel ist ein dummes Tier“ nahmen die Vokalisten ihre Position auf der Bühne ein.

Bis ins 16. Jahrhundert begab man sich zurück, um dort in den Revieren von Adriano Banchieri und Erasmus Widmann herumzustochern und schließlich die Klangmalerei und den Witz zu entdecken, die etwa ein Floh oder todgeweihte Martinsgänse mit sich tragen. Es sind rhythmisch und satztechnisch anspruchsvolle Werke, die Ulrike Friedmann ihrem Chor abverlangte, und entsprechend engagiert vermittelte sie ihre klanglichen Intentionen. Präzise Deklamation und ein gutes Gefühl für den musikalischen Fluss zeichnen diesen Chor aus und nur selten schlich sich die eine oder andere Intonationstrübung ein.

Doch immer dann, wenn ein Komponist etwa das Schnattern von Gänsen, das Summen einer Biene oder die Haltung zu einer Ratte beschrieb, durfte man sicher sein, dass der Chor zu schönster musikalischer Umsetzung imstande war.

Die zeigte sich auch in den beiden romantischen Chorsätzen von Mendelssohn und Reger, wo die erstaunliche Entwicklung dieses schnell wachsenden Chores besonders deutlich wurde.

Martin Evanzin, ein zeitgenössischer Komponist, hatte sich dem sträflich vernachlässigten Liedgut der Fische gewidmet: „Fisches Nachtgesang“ entstand, und heraus kam eine umwerfende chorische Pantomime, die zwar stumm erfolgte, die aber ahnen ließ, wie heftig hinter den synchronen Mundbewegungen der Sängerinnen und Sänger wohl das Lachen unterdrückt werden musste.

Stefan Schröter und Christian Friedmann waren die beiden Gesangssolisten in Christian Morgensterns kurzen „Postkartenliedern“, denen der Komponist Wilfried Hiller neben geeigneten Akkorden auch Klopfen und Steineklopfen beimischte. Auch sonst war das Ensemble „Petite Reprise“ – allen voran Sebastian Schlierf auf der Barockvioline – viel beschäftigt, als es auf Barockinstrumenten aus dem äußerst reichen Fundus schöpfte, den die Komponisten aller Zeiten den Tieren widmeten.

Allerdings hatte das zu meist große musikalische Gewicht der meisten Chorstücke mit entsprechend aufwändiger Probenarbeit auch zur Folge, dass der instrumentale Anteil vergleichsweise umfangreich war. Denn die meisten Zuhörer sind vermutlich gekommen, um vor allem den hinreißenden Chor und die vielen Facetten dieser Literatur – in Lindau ansonsten unterrepräsentiert – zu erleben.