„Überraschung“ ist zwiespältig
Von Judy Winters Adoptivsohn Francis stand jetzt die musikalische Komödie „Schöne Überraschung“ auf dem Programm des Stadttheaters. Die mäßig besuchte Vorstellung hinterließ beim Publikum durchaus unterschiedliche Eindrücke.
Für Francis C. Winter, dessen familiäre Wurzeln in Indien und Ghana liegen, gaben offenbar eigene Erfahrungen den Impuls, sein Erstlingswerk den Themen Vorurteil, Diskriminierung und Ausländerfeindlichkeit zu widmen. Weil das aber leicht ins Moralisieren abgleiten kann, verpackte er das Ganze in eine Komödie und garnierte sie mit ein paar Gesangsnummern. Die Sängerinnen Joanne Bell und Elaine Thomas waren dabei Garanten für stimmliche Klasse, doch auch Susanne Seidler, Jürgen Zartmann und Sabine Urban – allesamt Schauspieler im Hauptberuf – zeigten in dieser Hinsicht beachtliches Potenzial. Thematisch war mit dem Auftauchen der Tochter und ihrem dunkelhäutigen Geliebten in einem vermeintlich aufgeschlossenen Haus auch ein erster Ansatz gemacht, aus dem sich geeignete Situationen für eine Komödie mit ernstem Anliegen entwickeln lassen.
So weit, so gut. Bis zum Ende des ersten Aktes ist dieses Konzept weitgehend aufgegangen, besonders deshalb, weil mit Susanne Seidler und Jürgen Zartmann ein Ehepaar Kline zugange war, das spielerisch aus dem Vollen schöpfte und mit glaubwürdiger Leidenschaft typische Eheprobleme in Szene setzte. Köstlich und wie nebenbei führte es ein altes Familienproblem vor, das da heißt: Wie können Eltern ihre Kinder loslassen – und insbesondere Väter ihre Töchter? Mit Publikumsliebling Juanita – der bereits erwähnten Joanne Bell – war überdies ein stimmliches und spielerisches Element eingebaut, das jederzeit für Stimmung und Lacher im Publikum gut war – selbst wenn sie nur „erst ‚mal ein Schlückchen trinken“ musste.
Wie schwer es allerdings ist, mit einer einzigen thematischen Idee ein Abend füllendes Stück über die Runden zu bringen, zeigte der zweite Akt: So frisch die Dialoge zunächst begonnen hatten, so sehr mutierten sie jetzt immer häufiger zu moralisierenden Passagen und idealisierten Verhaltensempfehlungen, denen jeder dramaturgische Drive abging. Allseits bekannte Ratschläge und Vorwürfe, die man innerhalb von Partnerschaften so austauscht, erzeugten einen gewissen Stillstand, den eigentlich nur noch eine weitere Überraschung hätte überwinden können.
Publikum klatscht trotzdem
Dies scheint der Verfasser bemerkt zu haben – und so ließ er kurzerhand das Paar verkünden, dass es nicht nur seit fünf Monaten zusammen, sondern bereits verheiratet sei. Und schwanger sei sie obendrein. Die Reaktionen darauf gaben spielerisch nicht mehr besonders viel her. Selbst das erwartete Happy End kam nur durch einen kaum nachvollziehbaren Sinneswandel seitens der „schwarzen Fraktion“ (zu der auch die Mutter des frisch Verheirateten zählt) zu Stande.
Es gab trotzdem warmen und vergleichsweise lang anhaltenden Beifall, der sich aber vor allem über der „Stimmungskanone“ Joanne Bell ergoss. Diese Reaktion jedoch provoziert zwei Fragen: Würde die Wirkung des Stückes ohne die durchaus starken Gesangseinlagen zusammenschrumpfen? Zum anderen: Wenn diese englischsprachigen Stücke also keine „Vorsichtsmaßnahme“ gegen einen möglichen Spannungsabfall war – welchen Sinn haben sie dann in einer Komödie? Denn für ein Musical waren es natürlich zu wenige davon, in einem Theaterstück aber kann schon eines zu viel sein.