LINDAU – An den Feiertagen ist der Bayerische Rundfunk mit drei Übertragungswagen vor der St. Stephanskirche aufgefahren: der Gottesdienst am ersten Weihnachtstag wurde sowohl im Hörfunk als auch im Fernsehen übertragen.
Wer am Tag vor dem Heiligen Abend Einlass ins Kircheninnere fand, wird Schwierigkeiten gehabt haben, sich dort eine stimmungsvolle Weihnachtsfeier vorzustellen: Vier Kilometer Kabel schlängelten sich von den Übertragungswagen aus in jede Ecke der Kirche, gleißende Scheinwerfer ließen die Kirche wie eine Mischung aus Fabrik und Pop-Arena erscheinen, eine Vielzahl von Kameras war positioniert, um jeweils mit Kameramann und Kabelträger in Lauerstellung zu gehen, und ein ganzer Stab von Mitarbeitern des Bayerischen Rundfunks dachte an alles Mögliche, jedoch gewiss nicht an Kerzenschein und Zimtgeruch.
Derweil waren die Mitglieder des Kammerchores, Solisten und Orchester damit beschäftigt, Kabelfallen auszuweichen und die raren Teppichreste untereinander zu verteilen, um ein wenig gegen die Kälte von unten anzukommen; galt es doch, die Probe und den kompletten Durchlauf eines Gottesdienstes durchzustehen, der zwei Tage später stattfinden sollte. Gleichzeitig wurden mit langen Stangen letzte Einstellungen an den hoch hängenden Scheinwerfern vorgenommen; um den optischen Eindruckzu verbessern, mussten die Noten der Instrumentalisten mit schwarzen Kartons hinterlegt werden und die Höhe ihrer Notenständer korrigiert werden.
Kantor Lutz Nollert hatte seine Lederschuhe gegen leise und gut greifende Gummisohlen ausgetauscht, um die Strecke vom Dirigentenpult zur Orgel, die er mehrmals zurücklegen musste, sekundengenau einzuhalten. Währenddessen dachte Oberkirchenrat Ernst Öffner in einer hinteren Bankreihe darüber nach, an welcher Stelle die zwölfminütige Predigt um eine Minute gekürzt werden könnte. Denn das war klar: Alles, was die vorgesehene Sendezeit von sechzig Minuten überschreitet, würde bei der Übertragung gnadenlos ausgeblendet.
Über allem waltete Kirchenrätin Petra Harring, die das ganze Projekt angeschoben hatte. Vor der Generalprobe fand sie noch ein freundliches Wort für die engagierte Messnerin Heidrun Wäger, dankte dort ihren Söhnen, die wieder eine großartige Krippe gebaut hatten, und sparte nicht mit Anerkennung für die Menschen, die vor und hinter den Kulissen für ein gutes Gelingen sorgten.
Technik rückt in den Hintergrund
Am ersten Weihnachtsfeiertag dann die Übertragung: Erwartungsgemäß war die Kirche hervorragend besucht. Schnell hatte man sich an das grelle Licht und die Bewegungen der Kameras vor dem Altarraum gewöhnt. Vor Beginn bat Harring um kräftiges Mitsingen und wies auf die „Spezialität“ von St. Stephan hin, nämlich das Umklappen der vorderen Bänke während der Predigt. Dann das Herunterzählen der letzten Sekunden, der mächtige musikalische Einstieg mit Pauken und Trompeten in Bachs Weihnachtsoratorium durch den Kammerchor und die Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben: „Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage!“ Von einer Sekunde zur anderen war es plötzlich Weihnachten, war seine Botschaft im Mittelpunkt dieses Gottesdienstes – und all die Technik wurde nur noch als etwas wahrgenommen, was es hunderttausenden Menschen zu Hause ermöglichte, daran teilzunehmen.
Dass selbst eine so aufwendige Technik nur so gut sein kann wie die Menschen, die sie bedienen, war bei der TV-Wiedergabe zu sehen: Ausgerechnet die ersten Sekunden des grandiosen Paukenauftaktes – Synonym für weihnachtliche Festmusik – hat die Übertragung den Zuschauern am Fernseher unterschlagen.