LINDAU – Im Rockgeschäft reichen 35 Jahre Abstand, um damalige Erfolge zur „Legende“ zu verklären. Doch wenn eine Gruppe wie „Them“ auf 30 Millionen verkaufte Schallplatten verweisen kann, dann reicht das allemal, um dem Club Vaudeville, vor allem aber der verantwortlichen „New Orleans Bar“, einen erfreulich guten Besuch zu bescheren.
Nein, es soll hier nicht vom Bauch Jim Amstrongs oder den Krücken von Eric Wrixon die Rede sein: Ersterer hat nicht verhindert, aus seinem Träger einen der besten Rockgitarristen zu machen, und Krücken helfen auch Leuten unter fünfzig, wenn sie ein Gipsbein haben. Zu „Them“ pilgern die Leute, weil sie gelegentlich an das erinnert werden möchten, was in der Wiege der Rockmusik lag: an den Blues, den Rock’n’Roll und die Typen, die vom Show Business nicht ganz verschlungen wurden. Und an gestandene Musiker, die es sich leisten können, ihr Konzert mit Musik statt mit Nebelschwaden und TamTam zu beginnen.
Natürlich zehren die heutigen Mitglieder vom Glanz vergangener Zeiten, ohne damals komplett daran beteiligt gewesen zu sein. Doch schon in den Sechzigern gehörte es zum Merkmal von „Them“, eher als Markenzeichen denn als feste Formation den Ruf zu festigen, die „aufregendste weiße Rhythm&Blues Band“ zu sein. Und diesem Namen machten sie auch im Club Vaudeville alle Ehre.
Geriet der erste Teil schon fast zu einer entspannten Angelegenheit, wo das packende Bluesfeeling von Eric Wrixons Stimme und Jim Amstrongs mitreißendem Gitarrenspiel fast nebenbei von ihrer musikalischen Klasse zeugten, so ging’s beim zweiten Teil dann richtig zur Sache. Geschickt verteilten sie ihre legendären Songs – von „It’s All Over Now Baby Blue“ bis „Gloria“ – in ihr Programm und die Älteren unter dem durchaus gemischten Publikum haben wieder einmal erlebt, dass der Unterschied zwischen einer gewöhnlichen Hammondorgel und der „Leslie“ von Eric Wrixon genauso groß ist wie der zwischen einem Rolls Royce und einem gewöhnlichen Auto. Jim Amstrong lief derweil auf seiner Gitarre zur Hochform auf, und schließlich war wohl dem letzten Zuhörer aufgegangen, dass es auch der ungeheure Spaß und die spielerische Versiertheit auf der Bühne waren, wovon man sich so anstecken ließ. Dazu trug immer wieder auch das bluesgeschwängerte Mundharmonikaspiel von Eric Wrixon bei, der sich allerdings die „Vollversion“ des dämonischen „Mystic Eyes“ versagte.
Gleichwohl: eine hinreißende Blues-Hommage an John Lee Hooker im Zugabenteil, aberwitzige Gitarrenausflüge ins Reich der Klassik und nimmer enden wollende Zugabenwünsche bescherten Publikum und Musikern einen Abend, der weit mehr an spielerischer Substanz und Elementen des Blues bereithielt, als dass er je zum bloßen Nostalgie-Event hätte verkümmern können.