Ensemble liefert erstklassige Leistung ab
Nicht nur die Autorin des Romans, sondern auch die zahlreichen Theaterbesucher hatten offenbar das richtige Gespür für diesen spektakulären Mordfall. Die Bühnenfassung, die im Lindauer Stadttheater zu sehen war, bot eine glänzende Regiearbeit und eine darstellerische Bravourleistung.
Andrea Maria Schenkel verlegte den Sechsfach-Mord aus dem Jahre 1922 in die 50er Jahre und erzielte mit diesem Buch einen Millionen-Seller. Drei Jahre später – man schrieb das Jahr 2008 – folgte dann die Bühnenfassung von Maya Fanke und Doris Happl. Seit Ende September ist nun eine erstklassige Truppe unterwegs mit jener Aufführung, die im Stadttheater Fürth erarbeitet wurde, um von dort aus in über vierzig Städte des deutschsprachigen Raums zu starten.
Wer nun die acht Schauspieler auf der Bühne des Stadttheaters mit „Tannöd“ erlebte, wurde mit einer Vielzahl von Eindrücken konfrontiert, jedoch gewiss nicht mit dem Eindruck irgendwelcher Ermüdungserscheinungen. Denn dafür bot die überaus stringente Inszenierung zu viele Momente größter Spannung, und die ausgefeilte Choreographie erforderte von den Akteuren ein Höchstmaß an Konzentration. In Kombination mit verstörenden Geräuschen, irreführender Bayern-Folklore – in beachtlicher sängerischer Qualität – und dem Klang der Maultrommel entstand eine akustische Spielkulisse, die immer bedrohlicher wurde.
Diese vermischte sich harmonisch mit den Bühnenelementen: Alte Bänke, die die Fantasie beflügelten, weil sie mal als Steg, als Dachboden oder am Schluss sogar als unheimlich wirkende Särge umfunktioniert wurden. Ein überaus geistreicher Einfall von Wolfgang Menardi, der hierfür zuständig war. Auch das Anfangsbild mit sechs leuchtenden Kreuzen und Schwarz-Weiß-Fotos der Opfer zeugte von einer klaren Vorstellung über die beabsichtige Wirkung.
Mit Karin Oehme, Hartmut Volle, Susanne Rögner und Christiane Paulick – um nur die auffälligsten unter den acht Spielern zu nennen – stand der Regie ein exzellentes Team zur Verfügung. Es bewältigte sowohl die zwanzig Rollen als auch die verschiedenen Spielebenen und Rückblenden, insbesondere auch die intelligenten Tempowechsel mit bewunderungswürdiger Schauspielkunst. Sie war gepaart mit großer Textverständlichkeit, die ja leider nicht immer zu den Selbstverständlichkeiten mancher Aufführung zählt.
Großen Wert legte die Inszenierung auf die Darstellung der beängstigenden Verhältnisse innerhalb der Nachbarschaft, und sie machte ihr böses Getratsche über die Ermordeten und ihre Beziehungen untereinander geradezu spürbar. Die menschlichen Abgründe, die sich hier auftaten, gehören zu den unbequemen Erkenntnissen dieses bedrückenden Kriminalfalles.
Beklemmende Stimmung
Wo zuvor noch der Satz „Lassen wir die alten Geschichten ruhen“ herhalten musste, um selbst einem bösen und berechtigten Verdacht zu entkommen, wird plötzlich mit gleicher Intensität am Rufmord anderer mitgewirkt. Das war beklemmend und beschämend, zugleich aber auch ein weiteres Beispiel für das intensive und nahegehende Spiel der Darsteller.
An Ende konnte schließlich ein Mörder präsentiert werden. Derjenige freilich, der im Jahre 1922 die fünfköpfige Familie und eine gerade erst angekommene Magd so bestialisch umgebracht hat, blieb unentdeckt und seine Tat bis heute ungesühnt.