Stadttheater legt gebremsten Start hin
Der neue Spielplan hält einige interessante Stücke bereit, auf die man zu Recht gespannt sein kann. „Siegertypen“ gehört nicht in diese Kategorie und war deshalb nicht unbedingt geeignet, eine solche Saison – freie Terminwahl vorausgesetzt – gebührend zu eröffnen.
Das Motiv, an der Fassade bestimmter Menschen zu kratzen, indem man ihnen einen wie immer gearteten Eindringling ins Haus schickt, ist innerhalb der Literatur ein bewährtes Rezept. Um sich hier zwischen all den Dürrenmatts und Albees einen komfortablen Platz zu sichern, sollte die Story überzeugend, das Personal authentisch und der Erkenntnisgewinn spürbar sein. Für all diese drei Disziplinen lassen sich am Beginn des Dramas von Dennis McIntyre durchaus Ansätze finden.
In der Produktion des „a.gon Theater“ aus München wurde die beabsichtigte Wirkung von einer imposanten Bühnen- bzw. Wohnlandschaft unterstützt, über deren Einzelelementen in unsichtbarer Schrift zu stehen schien: „Ich bin ein Designerstück:“ Folgerichtig erschallte auch Bruce Springsteens „Born in the U.S.A“ aus einer schicken Bang & Olufsen-Anlage und erstickte zunächst einmal jedes Wort, das Leslie und ihr Mann gegeneinander richteten. Dass die Begeisterung für dessen Lieblingssport, den American Football, letztlich doch über den guten Geschmack siegen kann, zeigte der überdimensionierte Lederschuh, den sich Hausherr Arthur ins Zimmer gestellt hat, wo er nun sein Dasein als unübersehbarer Lieblingsstuhl fristet.
Während sich nun also Leslie in ihrer offensichtlichen Putzmanie spätnachts daran macht, die Überbleibsel einer Party zu beseitigen, ist Arthur darauf konzentriert, endlich hinter das Geheimnis des neuesten technischen Spielzeugs in seiner Hand zu kommen. Arthur, das muss man wissen, kann es nämlich nicht leiden, wenn er verliert oder irgendwelche Tricks nicht durchschaut.
Jeder trägt sein Päckchen
Nun also kommt, was in so einer Situation kommen muss, wenn es sich um eine Theaterbühne handelt: Es klingelt, und ein unbekannter Nachbar, der hier Ben heißt, tritt auf. Es beginnt ein harmloses, sich nur langsam und etwas ziellos zuspitzendes Psychospiel, an dessen Ende erwartungsgemäß klar wird, dass jeder sein Päckchen mit sich herumträgt und es offenbar nur noch gewisser Impulse bedarf, um seinen Inhalt kennenzulernen. Der ist bei Ben etwas spannender als bei Leslie und Arthur, besonders fesselnd muss man ihn aber bei keinem von ihnen finden. Von Ben lernt man, dass auch ein kleiner und mutiger Feuerwehrmann sagen kann: „Mein Leben ist wichtig“, und von Arthur, dass die Mischung aus Erfolg, Jähzorn und Rechthaberei immer noch keinen sympathischen Rechtsanwalt abgibt.
Viele Leerlaufstellen im Stück
Christoph Hemrich, der den verletzten Jacques Breuer vertrat, und Simone Pfennig, warfen sich mit Inbrunst auf die etwas flachwässrige und begrenzte Vorlage – was zwangsläufig keine großen Kreise erzeugen konnte. Auch Michael Kausch war sein Bemühen anzumerken, dem Drama das notwendige Tempo zu verleihen, was die vielen Leerlaufstellen im Stück jedoch immer wieder verhinderten. Vielleicht war es ja ein Fehler, den Verlauf des Stückes nicht zu raffen und es entsprechend zu kürzen. Es kann schließlich nicht die einzige Aufgabe einer Theateraufführung sein, dem Publikum in ganzer Breite vorzuführen, wie gut Christoph Hemrich ein Ekel spielen und wie qualvoll Michael Kausch sein tollstes Berufserlebnis aus sich herauspressen kann. Hier bleibt dann mehr Unbehagen zurück als das Gefühl eines starken Theaterabends. Diese Erwartung muss wohl einstweilen vertagt werden.