Der Kirschgarten (Anton P. Tschechow)

Spielerische Glanzleistung: Johannes Heesters überzeugt

Mit Tschechows „Kirschgarten“ hat die Theatersaison ihren Auftakt genommen. In einer soliden und überzeugenden Inszenierung hat nicht zuletzt der 98-jährige Johannes Heesters gezeigt, dass man sich auch als „Zugpferd“ zu einer ernsthaften schauspielerischen Leistung verpflichtet fühlt.

Leicht war es nie, den „Kirschgarten“ zu spielen und sich dabei vor Augen zu halten, dass Anton Tschechow seinen Vierakter als „Komödie“ verstanden wissen wollte. Denn in der Tat: Der unaufhaltsame Niedergang des Romantisch-Alten, der Verlust adeliger Privilegien und die beängstigend schnelle Akzeptanz neuer Denkmuster entziehen sich vordergründig einer Ironisierung.

Und doch ist es der Inszenierung von Stefan Zimmermann gelungen, durch wohlgesetzte Überzeichnungen und gezielte Personenführung Elemente davon durchschimmern zu lassen . Er hat das nicht plump getan: keine abgehobene oder über die Maßen hysterische Gutsbesitzerin, die den vom Verkauf bedrohten Kirschgarten zum Paradies verklären mag; Dagmar Hessenland macht ihr Festhalten daran glaubhaft; schmunzeln können wir Nachgeborene über derlei Standesdünkel jedoch leicht, und Schadenfreude darüber ist mittlerweile gesellschaftsfähig.

Wolfgang Eysold als hoffnungslos rückwärts gewandter Bruder Gajew darf in dieser Adelskombination kräftig übertreiben, und entsprechend lustvoll verschießt er sein komödiantisches Pulver. Mit viel Sympathie wird Lopachin gezeichnet, der das Gut schließlich kaufen wird und gar nicht früh genug mit dem Bäumefällen beginnen kann. Christian Hoening verpasst diesem Vertreter der „neuen Zeit“ die nötige Bodenhaftung, aber auch eine gehörige Portion Bauernschläue und Zielstrebigkeit, die ihn für alles Kommende gewappnet erscheinen lassen, nicht aber für die von allen erhoffte Verlobung mit der Pflegetochter Warja, der Stefanie Haller berührende Intensität verleiht. Der ewige Student Trofimov (Michael Boettke) vertritt derweil eine vollkommen anders gelagerte Ideologie, doch sie reicht weder aus, sein eigenes Leben daran auszurichten und schon gar nicht dafür, mit Ranewskajas Tochter Anja (mit starker Bühnenpräsenz: Katrin Hahner) eine normale Beziehung einzugehen: „Wir stehen über der Liebe“ predigt er und erweist sich auch hier als wirkungsloser Prediger, an dessen Theorien sich der Regisseur mit feiner Ironie ergötzt.

Weit über zweieinhalb Stunden tauschen sich die Bewahrer des Alten mit denjenigen aus, die sich die Zeit nach dem Verkauf des Kirschgartens durchaus vorstellen können. Nur für Firs, den lebensweisen, alten Diener steht von Anfang an fest, dass er den Rest seiner Tage auf dem Gut verbringen wird, egal, wer sich mit seinen Vorstellungen durchsetzen wird.

Tchechow hat diese Rolle mit „87 Jahre alt“ definiert. Es wird für viele im Theater etwas Bewegendes gehabt haben, mit Johannes Heesters noch einmal einen Schauspieler zu erleben, der diese Altersvorgabe sogar um elf Jahre übertrifft. Trotz seines mittlerweile stark eingeschränkten Sehvermögens hat sich Heesters mit bewunderungswürdiger Disziplin und imponierendem Gestaltungswillen in das Ensemble eingefügt.

Der Respekt aber, den man ihm schon allein seines Alters wegen zu zollen bereit war, gebührt ihm in gleichem Maße wegen seiner spielerischen Leistung. Und es ist sein Verdienst, wenn er inmitten der „Längen“ dieses Tschechow-Stückes immer wieder zum ruhenden Pol wurde, bei dem sich Gedanken an Ungeduld und Eile von selbst verbaten. Alles in allem eine sorgfältige, schauspielerisch überzeugende Inszenierung, die nicht zuletzt durch die Mitwirkung von Johannes Heesters ihre besondere Note erhielt.