Romeo und Julia (Shakespeare)

Spieler gleichen Schwächen der Inszenierung aus

Nach dem „Jedermann“ im letzten Jahr hat Cordula Trantow mit „Romeo und Julia“ das Südbayerische Theaterfestival in Lindau fortgesetzt. Zwar gab es ein volles Haus, doch um als künstlerische Alternative oder wichtige Ergänzung zum gängigen Tourneetheater zu gelten, blieb der Gesamteindruck doch zu zwiespältig.

Vor genau 400 Jahren fand in Nördlingen die Deutschland-Premiere dieser Shakespeare-Tragödie statt, und nach wie vor strömen gerade auch junge Leute ins Theater, um den herzzerreißenden Liebestod von Romeo und Julia mitzuerleben. Wenn jetzt aber einige Zuschauer die Pause nutzten, um das Theater zu verlassen, so muss man vermuten, dass das nicht geschah, um sich diesen Tod zu ersparen.

Doch der Reihe nach. Ein quadratisches Lichtfeld in der hinteren Mitte, seitlich davor symmetrisch angeordnete und Macht symbolisierende Mauerquader prägten das Bühnenbild, das Uwe S. Niesig jederzeit ins rechte Licht zu setzen wusste. Zusammen mit der Live-Musik des Gitarristen El Sciubba ergab sich eine dichte Atmosphäre, die Shakespeares dramaturgischen Vorgaben stets auf den Versen blieb. Das Bemühen allerdings, die zahlreichen Bildwechsel innerhalb der fünf Akte mit dem ständigen Auf- und Zuziehen von zwei Vorhängen zu bewerkstelligen, hat diese Atmosphäre arg beeinträchtigt und irgendwann den Eindruck erweckt, dass Shakespeare für diesen Abend nur scheibchenweise zu haben sei. Diesem Hang zur Bewegung um jeden Preis musste sich leider auch ein großer Teil der Akteure fügen. Die recht problematische Verwendung von Mikrofonen, die leider auch unterschiedliche (und in den hinteren Reihen schlechte) Klangergebnisse lieferte, hat dieses störende „Vor-Gehen“ allenfalls noch betont.

Wucht des Todes reduziert

In seltsamem Widerspruch zu dieser äußeren Bewegtheit stand andererseits der sprachliche Duktus des gesamten ersten Teiles. Der gab sich unterkühlt, zäh und konnte keine überzeugende Lösung finden, um die der „West Side Story“ entlehnte Coolness der beiden jugendlichen Gangs – hier aus den Häusern Montague und Capulet – mit Shakespeares sprachlicher Intensität und den zahlreichen komödiantischen Zutaten zu verbinden. Ziemlich auf der Strecke blieben bei diesem Ansatz der frivole Wortwitz eines Mercutio oder die Rolle der Amme, deren Charakter kaum zu erkennen war. Das hat die dramatische Wucht unnötig reduziert, die Tybalts Tod am Ende des ersten Teiles normalerweise auslöst, weil er die Unerbittlichkeit dieser Geschichte plötzlich wieder ins Bewusstsein rückt.

Freilich konnte Cordula Trantow mit vielen kleinen Regieeinfällen (etwa das überzeugend gezeichnete Verhältnis zwischen Julia und ihrem Vater) und ein paar Spielern aufwarten, die es am Ende erleichtert haben, die aufgezeigten Schwächen nicht zum entscheidenden Merkmal dieser Inszenierung zu machen. Dazu gehört natürlich Cosma Shiva Hagen, der es mühelos gelang, die Emotionen und die Zielstrebigkeit der 14-jährigen Julia auszudrücken. Auch sprachlich stach sie sehr positiv hervor. Marco Hofschneider hatte es neben ihr als Romeo natürlich nicht ganz einfach, doch blieb er der Linie als leicht entflammbarer, schwärmerischer und ein wenig blasser Jugendlicher treu. Ihre erste Begegnung beim Fest der Capulets gehörte zu den besonders überzeugenden Szenen. In spielerischer Hinsicht bleibt auch Fred Alexander als Pater Lorenzo in Erinnerung, der neben seiner alchemistischen Betätigung erahnen ließ, wie sehr ihm das Schicksal des Paares und die Versöhnung der verfeindeten Familien am Herzen liegt.

Der Beifall am Ende schien die darstellerischen Leistungen getreu widerzuspiegeln, und er galt wohl auch der großen Wirkung des zweiten Teiles der Tragödie, der sich kaum jemand entziehen kann.