Sosinka bringt in „Warten auf Godot“ Hoffnung ins Spiel
Mit einer interessanten Ergänzung hat Regisseur Tobias Sosinka versucht, dem Nichtgeschehen und dem Mangel an Perspektive beim „Warten auf Godot“ ein wenig Hoffnung entgegenzusetzen. Becketts Intention dürfte allerdings eine andere gewesen sein als Sosinkas Lesart, die mit Beethoven und Zitaten aus dessen neunter Sinfonie klangschöne Widersprüche provoziert.
Jeder Regisseur, der Samuel Becketts Klassiker inszeniert, muss sich fragen, wie er die verbliebenen Elemente gewichtet, wenn es doch an allem fehlt, was ein normales Theaterstück ausmacht: sinnvolle Dialoge, eine fortschreitende, möglichst spannende Handlung, und vielleicht sogar die Aussicht auf ein fantasievolles Bühnenbild. Weil „Warten auf Godot“ aber längst zur Pflichtlektüre in Schulen avanciert ist, gilt es überdies noch, Ton und Gestik zu treffen, mit denen auch die Jugend etwas anfangen kann – und möglichst darauf zu achten, dass Slapstick und Comedy nicht durcheinander geraten.
In dieser Hinsicht kann die Inszenierung des Landestheater Schwaben aus Memmingen einige Punkte sammeln. Das Zusammenspiel zwischen den Hauptprotagonisten Wladimir und Estragon – genannt Didi und Gogo – besticht durch flüssige „Dialoge“ und macht die charakterlichen Unterschiede der beiden gestrandeten Landstreicher kenntlich. Mit gutem Gespür für das humoristische Potential des Textes gelingt es ihnen zusätzlich, die nach wie vor ungebrochene Faszination des Stückes erlebbar zu machen. Dino Nolting und Thomas Jutzler, das war zu spüren, hatten sichtlich Spaß an ihren Rollen und scheuten – durchaus rollengerecht – nicht davor zurück, das Publikum mit frechem Charme ins (Nicht-) Geschehen einzubinden. Dass sie ihre vermeintlichen körperlichen Handicaps an Fuß und Prostata nicht überstrapazierten, sei ihnen zusätzlich gut geschrieben.
Fridtjof Stolzenwald und Peter Höschler als Pozzo und Lucky verhalten ihrer Herr-Sklave-Beziehung zu großer Anschaulichkeit, ebenso ihrer gegenseitigen Abhängigkeit, die später deutlich wurde. Dabei löste die Darstellung von Pozzos widerwärtigem Herrentum im ersten Akt ähnlich beklemmende Gefühle aus wie sein körperlicher Niedergang und sein künftiges Schicksal als Blinder, das ihn ereilen sollte. Peter Höschler verwandelte Luckys berühmten Denk-Monolog in eine theatralische Glanznummer, obwohl es natürlich auch ihm versagt bleiben musste, die heraus gepressten philosophischen Sprachfetzen über Gott und die Welt in einen verständlichen Zusammenhang zu bringen.
Stück behält seine Ausstrahlung
Samuel Becketts Stück hat nichts von seiner Ausstrahlung verloren, und hierfür war nicht zuletzt dieses Darstellerquartett verantwortlich – insbesondere die Jugend hat das am Ende mit lautstarkem Applaus bekräftigt.
Geteilter Meinung darf man freilich darüber sein, ob Becketts düsteres Spiel, ob seine geniale Kunst, ein Stück gewissermaßen gegen jede Theaterregel und gegen den Sinn unserer Existenz zu schreiben, das richtige Objekt ist, um ihm ein halbes Jahrhundert später in der Endphase des Stückes ein paar Text-Sequenzen von Dichtern unterzujubeln, die ein weitaus optimistischeres Weltbild hatten.
Dass sich die einzelnen Sätze von Beethovens neunter Sinfonie dramaturgisch anbieten, einem Stück den gewichtigen Hintergrund zu liefern, sei dabei unbestritten (obwohl Musik vermutlich das letzte ist, an das Beckett für eine Inszenierung von „Warten auf Godot“ gedacht hat). So hat der gespenstische d-Moll-Beginn durchaus die Leere am Stückbeginn unterstrichen, ebenso wie sich das Adagio prächtig für Pozzos schwerfälligen Tanz geeignet hat und das entschlossene „Molto vivace“ einem szenischen Stimmungswechsel entgegen kam – aber musste „Oh Freunde, nicht diese Töne“ zitiert werden, um am Ende des Schauspiels hoffnungsvolle Text-Alternativen einzubauen, die Beckett ja ausdrücklich vermeidet?
In „Warten auf Godot“ wird jede Frage nach irgendeinem Sinn vermieden. Hinsichtlich der erfolgten Texteinschübe sollte sie jedoch zumindest zulässig sein.