Sonntag in New York (Amir Gudarzi)

Zwischen Anspruch und Verlockungen

Mittwochs in Lindau gab’s „Sonntag in New York“ – ein heiterer Einstand in die neue Theatersaison.

Daß dabei der Unterhaltungswert lebendigen Theaters den des Fernsehens um Längen übertreffen kann, zeigte ein glänzend aufspielendes Schauspieler-Quartett. Der Ex-Lindauer Peter Bamler war einer davon.

Ein Lustspiel „nur“, gewiß. Mit einer Schwester, deren Eintausch gegen einen ordentlichen Schäferhund in der Kindheit nicht klappen wollte; und einem Bruder, der das jetzt, balzbereit und im erstürmungsreifen Alter, doch nochmals bedauert: Bringen ihn ja die Moralvorstellungen seiner eben wieder frei gewordenen Schwester in die unmöglichsten Situationen. „Verliebt, verlobt, verlassen“: Das scheint zum Lebensschema dieser Eileen Taylor zu werden, bis dass dann just der eine kommt, der ihren moralischen Tick und ihren Kampf um die Erhaltung der Jungfernschaft in lautere Hingabe zu wandeln weiß. Dazwischen tummeln sich jede Menge Merksätze und Schlagfertigkeiten, die den Abend zu einem kurzweiligen Vergnügen machen, Happy End eingeschlossen.

Silvia Seidel, in die schönsten Jahre gekommene TV-Anna, spielt diese holde Jungfrau mit einer Hingabe, die oft vergessen läßt, daß man hier einem Lustspiel beiwohnt. Wie ihr Schmerz plötzlich herausbricht, weil sie verlassen wurde, ist geradezu anrührend; ihr permanenter Kampf zwischen eigenem Anspruch und den Verlockungen der Wirklichkeit war jederzeit greifbar; und wenn da – genrebedingt – bisweilen allzu schnell getrauert und wieder vergessen wurde, so trotzte sie selbst dem noch jede Menge darstellerischen Charakter ab.

Das beim ersten Abschied hingehauchte „Wie lange“ war verbale Erotik, ihr doch noch vollzogener Partnerwechsel fast bis zum Ende offen.

Ronnie Janot war ihr ein herzhaft-derber Bruder mit Lizenz zum Fliegen.

Den Zicken seiner Schwester begegnete er mit einem Reichtum mimischer Facetten, hinter denen spitzbübischer Humor sichtbar wurde. Draufgängerisch, in erfolgsgewohnter Hauruck-Manier verspritzte Claus Peter Damitz seine Millionärs-Allüren, denen kaum auszuweichen war. Dieses zartbesaitete Teilstück seines Ferraris war erst zu bremsen, als er von der Möglichkeit Kenntnis nehmen mußte, daß sich auch noch ein anderer Mann seiner sicher geglaubten Beute, respektive Verlobten genähert haben könnte.

Peter Bamler gestaltete diesen Rivalen nobel, charmant und intelligent.

Waren die schauspielerischen Mittel bei den Anfangsbegegnungen mit Eileen vielleicht noch etwas indifferent, so blühte er förmlich auf, als er dem Wechselbad seiner eindeutig gewordenen Gefühle Gestalt verleihen durfte. Auch bei ihm führte die Entschlossenheit, der Lustspiel-Vorlage zu einer glaubwürdigen Geschichte zu verhelfen, zu einer stimmigen Umsetzung. Zum Höhepunkt wurde schließlich die gemeinsame Fahrt im Ferrari:

Vier Stühle und Rennwagengeräusche reichten aus, um diese Nummer zu einem akrobatischen, fast realistischen Spektakel zu machen, das tröge Shows aufwerten könnte: jedes Schalten ein Schritt zum Erbrechen, jede Kurve eine Frage des Überlebens, und die Bremsen als Alternative zum Schleudersitz. Das hatte Klasse, war bestens präpariert und kam an der rechten Stelle.

Ein erfrischender Auftakt also, der die Lust auf Theater neu entfachen konnte.