Sonderbare und eindrückliche Geschichten
Das war ein eindrückliches „Lebenszeichen“, das Ilona Kiras Ensemble „In Lingua Veritas“ mit ihrem (Lindauer) Theater-Erstling gegeben hat. Sie hat dem Stück von Jane Martin den Untertitel „Die wunderbare Vielfältigkeit der Frauen“ gegeben, auch wenn lllusionslosigkeit vorherrschte.
Eigentlich war das gar kein richtiges Theaterstück, sondern eine Reihe von Monologen und Statements, die den Schluss nahe legten, dass das Leben als Frau nicht besonders lustig ist. Zwischen den einzelnen Szenen versuchte orchestral aufgemotzte Vivaldi-Musik so zu tun, als sei trotzdem alles gut.
Vor diesen Hintergrund hat Ilona Kira ihr Frauenensemble professionell in Szene gesetzt und darüber hinaus auch keine Abstriche bei der Beleuchtung oder den vielfältigen Toneinspielungen gemacht. Ihr offensichtliches Anliegen, bei einer Aufführung nichts dem Zufall zu überlassen, ist aufgegangen und hat auch den Spieltrieb der Darstellerinnen allenfalls in vereinzelten Momenten beeinträchtigt. Hin und wieder – etwa in den Darstellungen von Christiane Geiser, Verena Rausch oder Anna Tinius – durfte man allerdings vermuten, dass persönlicher Spielwitz und eigene Spiellaune außerhalb des Erprobten fündig wurden, und es hat dem Stück bestimmt nicht geschadet.
Es sind sonderbare Geschichten, die Jane Martin (die ja vielleicht nur ein Phantom ist) zusammen getragen hat. Titel wie „Erleuchtung“, „keine Persönlichkeit“, „Impotenz“, „Vaters Kreis“ oder „Enzyklopädie-Vertreter“ geistern durch die Bühne und drängen zu meist zynischer Erweckung. Erotik blitzt auf, sie scheint aber zumindest nicht im Zusammenhang mit Männern vorzukommen: genügend Stoff also, um daraus einiges Bühnenkapital zu schlagen.
Begeisterten Szenenapplaus erhielt dabei die recht propere Verena Rausch und das nicht nur als hinreißende „Alptraumtochter“; umwerfend in Gestik und Dialektbeherrschung zeigte sich Christiane Geiser unter anderem in der Schlagzeugszene; aus einem offenbar großen schauspielerischen Fundus schöpfte Anna Tinius. Birgit Dietlein, Elpune Elfriede Nehls und Helga Sauermann agierten entschlossen, hintergründig und rollenverliebt und hatten entscheidende Anteile an der geschlossenen Wirkung dieser Inszenierung. Als die Anzahl der Spielszenen die Fünfzehn überschritten hatte und klar wurde, dass keine Pause den dramaturgischen Verlauf neu ordnen würde, keimte dann doch der Wunsch nach einer baldigen, vielleicht überraschenden Schlussszene auf. Doch als sie folgte, behielt auch die ihren Beigeschmack: ein wenig traurig, ein wenig schmerzlich und oft so nahe an der Realität, dass man sie gar nicht erst auf die Bühne wünschte. Das Ensemble „In Lingua Veritas“ indes hat daraus einen lohnenden Theaterabend kreiert, dem für die beiden kommenden Aufführungen noch mehr Publikum zu wünschen ist, als ihm das bei der Premiere im Club Vaudeville beschieden war. Und die aktiven Theatergruppen Lindaus haben einen weiteren „Anbieter“ hinzugewonnen, der künftig sicherlich an vorderster Front mitspielen wird.