Selbst kleine Unsicherheiten stören den Fluss nicht

LINDAU – Nach über zehn Jahren haben sich Lutz Nollert und der Kammerchor Lindau wieder Mozarts Requiem zugewandt. Trotz geringen Werbeaufwands für dieses gewichtige, groß besetzte Konzert war die Kirche von St Stephan gut besucht: Ein Ausdruck für den guten Namen des Chores – wohl aber auch für die Popularität von Mozarts berühmtestem Kirchenwerk.

Bevor sich das souverän und klangschön aufspielende Orchester mit dem Chor zusammentat, demonstrierte dieser erst seine Fähigkeiten in Sachen Sprachdeklamation und Klanggestaltung: Die Motette „Die mit Tränen säen“ von Heinrich Schütz geriet unter Lutz Nollerts Stabführung zu einem ausdrucksstarken A-capella-Werk, das in seiner Zuversicht sinnvoll zu Mozarts Totenmesse überleitete. Dieses Werk gehört zum Standardrepertoire eines Chores dieser Klasse, die sich gerade darin zeigt, wenn eine Aufführung den Geist des Besonderen und der Einmaligkeit dieses Requiems widerspiegelt.

Ohne falsche Sentimentalität, dafür mit großem Ernst wurde die von Mozart so dunkel gesetzte Partitur durch die Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben umgesetzt. Die angesprochene optimistische Sichtweise setzte sich nicht nur im schlank geführten Orchesterklang und in den zügigen Tempi fort, sondern wirkte auch in den leidenschaftlich und beschwörend umgesetzten Anrufen der Stimmen – wobei das gestalterische Zusammenwirken von Chor und Orchester zu den besonders hervorstechenden Merkmalen dieser Aufführung gehörte. Es scheint dabei ein Ergebnis der zahlreichen gemeinsamen Konzerte zu sein, dass selbst kleine Unsicherheiten den selbstverständlichen Fluss dieses grandiosen Werkes nicht zu stören vermochten.

Die geradezu hingeschleuderten Einwürfe im packenden „Dies irae“, das verklärende „Salva me“ im „Rex tremendae“-Chor oder gar das heftig vorwärts stürmende „Confutatis meledictis“ verbanden sich im Zusammenspiel der Akteure zu großartiger Intensität, wie sie nur von einem dermaßen eingespielten Orchester und einem erfahrenen Chor zu erzielen ist. Dieser hat mit seinen berückend agierenden Sopranstimmen und dem sicheren Bassfundament einmal mehr imponiert und durch schieren Wohlklang beeindruckt.

Weitgehend geglückt war auch die Auswahl des Solistenquartettes, das die kurzfristig eingesprungene Wittel mit ihrem schönen und warm klingenden Alt in letzter Minute vollzählig zu halten wusste. Insbesondere in den gemeinsam gesungenen Passagen blühte das Ensemble regelrecht auf, unter dem Birgit Plankel mit ihrem silbernen Sopran und Thomas Ogilvie mit seinem mächtigen Bass bereits zu den Haussolisten des Kammerchores zählen. Lediglich Bernhard Hunziker (Tenor) konnte nicht besonders überzeugen und ließ es vor allem in den Höhen an Glanz und Größe fehlen.

Wirkung funktioniert

Der Wirkung dieser packenden Interpretation und dem immer wieder eindringlichen Erleben, das Mozarts „Requiem“ auslöst, konnte allerdings auch diese Einschränkung nichts anhaben. Lang anhaltender Beifall am Ende dieser sechzig Minuten großer Chormusik brachte diese Einschätzung nachhaltig zum Ausdruck.