Aufs Angenehmste enttäuscht
Wenn ein nahezu 100 Jahre altes Stück Gerhart Hauptmanns – bei der Uraufführung zudem erfolglos! – als Tanztheater angekündigt wird, darf man gespannt sein, ob sich eher die Skepsis oder aber die Neugierde darauf auf die Zuschauerzahl niederschlägt. Unter diesem Aspekt kann man das Wagnis als gelungen bezeichnen. Es mag auch als wichtiger Beitrag für Abwechslung innerhalb des Theaterprogramms gelten.
Wer nun also für diese ungewohnte Sparte ein Gerangel befürchtete, welches der Elemente Text, Pantomime und Musik wohl die Oberhand erlangen würde, sah sich angesichts der beeindruckenden Qualität des Dargebotenen aufs Angenehmste enttäuscht.
Bereits die Angst, das bedrohlich dastehende Lautsprecherpaar plane wieder einmal einen Anschlag auf halbwegs kultivierte Ohren, erwies sich als unbegründet. In selten erlebter Stimmigkeit erhob sich die klug und überaus kenntnisreich zusammengestellte Musikauswahl zu einem souverän eingesetzten Gestaltungselement, das nie plakativ wirkte.
Henryk Tomaszewski, Leiter des Pantomimentheaters Breslau, der als Regisseur und Choreograph auch das Libretto verfaßte, tat gut daran, den Hofphilosophen Karl rezitativisch und szenisch einzusetzen; so blieb der Handlungsverlauf deutlich, aber auch einige Aussagen, die sich pantomimischer Darstellung widersetzen. Karl Heinz Martell verlieh diesem Weisen so großes Format, daß seinem Fürst eigentlich bange sein müsste; ein Genuss war seine klassisch geschulte Sprechkunst.
Üppig die Farbenpracht der Kostüme, schrill als Jagdgesellschaft, nobel bei Hofe: So präsentieren sich die Pantomimen in überaus ausdrucksvoller Weise. Individuell geführt setzten sie eine Vielzahl choreographischer Einfälle in lebendiges Agieren um. Die Palette ihres Könnens zeigte sich in leisen, fast fotographischen Bildern, ließ immer wieder fein Komödiantisches durchblitzen und verausgabte sich in der Tanzszene, die geradezu ekstatisch wirkte.
Besonders herausgehoben sei aber Aleksander Sobiszewski, der seiner Rolle als Jau ein phantastisches Spektrum ergreifender Ausdrucksformen angedeihen ließ. Seine schier grenzenlose Beweglichkeit war von kontrollierter Wucht, ebenso zeugte sein Grimassenspiel von praller Spielfreude. „Am Anfang war das Wort“ -an dieser Feststellung seien angesichts solcher Ausdruckskraft zumindest für das Theater gewisse Zweifel erlaubt.
Es bleibt der Eindruck, daß auch ein Theaterstück, das zugunsten des Spiels auf eines seiner wichtigsten Elemente, das Wort nämlich, weitgehend verzichtet, immer noch spannender und intensiver erlebt werden kann als so manche nette Klamotte.