Scherben (Arthur Miller)

Lange Zeit vermisste Gespräche

Was muß in dieser Frau wach geblieben sein, die im Angesicht von Hitlers Terror vor Angst buchstäblich gelähmt ist? Was war da passiert, wenn die Liebeserklärung ihres Gatten mit einem erstaunten „Was soll das?“ abgewürgt wird? Altmeister Arthur Miller gab in „Scherben“ vor zahlreichen Zuschauern spannende Auskunft.

Ein architektonisch bestehendes, zudem funktionales Bühnenbild, das kürzeste Umbaupausen erlaubte, eine sauber aufgereihte Schmetterling-Sammlung, alle im XXL-Format, und betörende Lichteinstellungen gaben den Rahmen für Millers spätes Werk im Stadttheater.

Uwe Friedrichsen ließ im ersten Auftritt noch offen, ob er sich in der Rolle des so menschlichen Arztes eher dem Eid des Hippokrates oder aber den Verlockungen des anderen Geschlechtes verpflichtet fühlen würde: Seine schauspielerische Intelligenz gewann jedoch sehr schnell die Oberhand über sein Temperament.

Sylvia Gellburg, die ins traute Heim und nun also in den Rollstuhl verbannte Gattin, galt es zu heilen. Versagen allenthalben: ihr Mann gegenüber den Auswirkungen der politischen Bedrohung im fernen Europa, und jetzt also diese unmittelbare Situation, wo Sylvias Beine ihren Dienst versagen. Sie erzwingen jene Auseinandersetzung, die früher, viel früher hätte stattfinden sollen. Zu zweit hätte sie diese Ehe nicht dahin gebracht, wo sie dann scheitern mußte. Und im Kollektiv viele Juden nicht dorthin, wo sie dann enden mussten. Beide Handlungsstränge verknüpfen sich in Millers Schauspiel zu einer unentwirrbaren Einheit, um die sich allmählich jene große Klammer windet: Sie alle sind jüdischer Abstammung.

Anne-Marie Kuster irritiert zunächst in ihrem Rollstuhl, läßt ein enges Regiekorsett vermuten – fast plakativ, eindimensional, ja: berechnend fordert sie die Auseinandersetzung mit ihrem Zustand heraus. Dem ist Philipp Gellburg genauso wenig gewachsen wie all die Jahre zuvor, und Michael Evers versteht es eindrucksvoll, diese Ohnmacht spürbar zu machen.

Mit immer größerem Unbehagen beobachtet er die geradezu zärtlichen Bemühungen des Arztes, den möglichen Ursachen für Sylvias Lähmung auf den Grund zu kommen. Uwe Friedrichsen tut das mit Leidenschaft und zärtlicher Hartnäckigkeit, der Anne-Marie Kuster nach langer Entbehrung eigentlich nichts entgegensetzen mag. Ihr Leiden kann nichts Organisches sein, und der „hysterischen Paralyse“ begegnen Arzt und Patientin schließlich mit lang vermissten Gesprächen, mit kaum verhohlener Zuneigung. Ihre Lähmung hat die Auseinandersetzung mit so mancher Lebenslüge erzwungen – die wiederum körperliche Reaktion des Gatten gipfelt in dessen Herzinfarkt. Als sie jetzt zu Hilfe kommen mag, kann sie plötzlich wieder laufen: zu spät. Und übrig bleiben

– „Scherben“.