Erwartung auf mitreißendes Saisonfinale nicht ganz erfüllt
Eigentlich war Ronald Harwoods Komödie „Quartetto“ noch mit Heinz Martell geplant, der in Lindau schon häufiger zu sehen war. Im September ist dieser Schauspieler jedoch überraschend gestorben, und so hat Karl Walter Diess seine Rolle übernommen. Mit einer abermals gut besuchten Aufführung ist die Theatersaison 2002/2003 zu Ende gegangen.
Wir befinden uns in einem „Seniorenheim für Musiker.“ Falls es das tatsächlich gibt (und warum eigentlich nicht), erklärt es wenigstens, weshalb sich dort gleich drei, später sogar vier ehemals berühmte Sängerinnen und Sänger wieder begegnen. Just die gleiche Besetzung hatte vor Jahrzehnten eine legendäre „Rigoletto“-Aufnahme eingespielt, die gerade erst auf CD wieder veröffentlicht wurde. Zu Verdis Geburtstag erwarten deshalb alle Heimbewohner, von ihnen das berühmte Quartett zu hören.
Aus diesen etwas harmlosen und gewollten Vorgaben strickt Autor Ronald Harwood eine Komödie, die uns verrät, dass man im Alter ein wenig vergesslich wird, Schwierigkeiten mit der Beweglichkeit bekommt und auch Opernstimmen irgendwann Vergangenheit sind. Gerd Staiger als ehemaliger Hofnarr Rigoletto und Margit Wolff, die einst die Maddalena spielte, passen sich der „Heim-Welt“ am geschmeidigsten an; während der eine vorwiegend seinem Sexleben neue Bedeutung zukommen lässt, fällt die andere durch lachsichere Gedächtnislücken auf. „Alt-Herzog“ Karl Walter Diess gibt sich vornehm, neuerdings auch kunstbeflissen, während uns Brigitte Grothum neben einer wahren Kostüm-Show all die Allüren serviert, die man von einer ehemaligen Diva und Gilda-Darstellerin erwartet. Alle versuchen, sich an die gemeinsame Devise „Kein Selbstmitleid!“ – kurz KSM – zu halten. Sie bieten ein erstaunliches Maß schauspielerischen Einsatzes auf, um mit der Behauptung, es handle sich hier um „ein Tollhaus, kein Seniorenheim“, Schritt zu halten. Spontaner Applaus entsteht erst, als die vier sich endlich in hochgerüsteten Fracks und tiefer gelegten Dekolletés vor die Bühne wagen, ihre wiederveröffentlichte CD mit dem Verdi-Quartett abspielen und dazu vollendete Mund- und Körperbewegungen machen: „hört her, so haben wir damals gesungen!“ Trotzdem: die Erwartung, die Saison mit einem mitreißenden Theaterabend zu beenden, konnte „Quartetto“ nicht einlösen.
„Kunst,“ erfährt man zwischendurch „hat keine Bedeutung, wenn sie keine Gefühle auslöst.“ Orientiert man sich am langen Beifall, schien aber zumindest diese Anforderung erfüllt worden zu sein.