Spritzige Inszenierung des Lindauer „BoGy“
Hätten die drei Göttinnen im „Guten Menschen von Sezuan“ ebenso viel Geduld wie Haltung bewiesen – wer weiß: vielleicht wäre ihnen einen Tag später in Dürrenmatts „Romulus“ der Mensch begegnet, der gut geblieben ist, ohne dabei umzukommen.
Im wohlgefüllten Musiksaal des Bodensee-Gymnasiums war es nun also dessen Grundkurs „Dramatisches Gestalten“, der sich mit Dürrenmatts herrlich „ungeschichtlicher historischer Komödie“ an einen Text der 40er Jahre machte. Vor vielen Jahren bereits unter Johannes Finkous aufgeführt, befand sich dieser unter den vielen Zuschauern, um Zeuge einer spritzigen Inszenierung zu werden.
Paul Wirth, der sich nebenbei als über jeden Zweifel erhabenen Koch präsentierte, führte Regie, und es gelang ihm, die einzelnen Rollen klar herauszuarbeiten. Die Auf- und Abgänge blieben flüssig, als Manko – besonders im ersten Teil – muß allerdings eine zu leise Sprechweise bei einem großen Teil der Spieler erwähnt werden. Die Titelpartie fand in Thilo Ruprecht einen souveränen Gestalter; mit deutlicher und immer fester werdender Stimme führte er die so zwingend erscheinenden Einsichten des atypischen Politikers vor, denen man so viele Nachahmer wünschte. Seine Haltung war über das ganze Stück Gewähr, daß aus der feinen Komödie kein derber Klamauk wurde.
Karsten Tschauner – trocken und stoisch – und Jan McMahom – in weiter Ferne den gelangweilten Blick – assistierten in unbekümmertem Gegensatz zu Romulus‘ kaiserlicher Gedankenwelt. Katrin Schulze hätte ihrer Ungeduld mit dem kaiserlichen Gatten und ihren Karrieremotiven vielleicht doch etwas mehr Temperament angedeihen lassen dürfen, auch wenn sie um schönen Ausdruck bemüht war; ebenso wollte sich die Liebesglut, die Maren Schmidt als deren gemeinsame Tochter Rea in der Wiederbegegnung mit dem zurückgekehrten Freund erwarten ließ, nicht so recht entfachen. Hübsch, allerdings auch etwas unkomödiantisch, gelangen dagegen ihre Nachsage-Szene mit der Schauspielerin, die von Rosanna Greco begleitet wurde. Diese fungierte auch als Kunsthändler Apollyon, dessen Geschäftstüchtigkeit jedoch schlitzohriger und emsiger ausfallen könnte. Maximilian Schöhl als Kaiser von Ostrom hatte die Lacher sofort auf seiner Seite, weil er diesen ausladend und sympathisch als homosexuell karikierte; dies gelang ihm mit bemerkenswert abwechslungsreicher Gestik und Mimik. Der Gefahr der Verselbstständigung und Reduzierung dieser Rolle allein darauf sollte er sich allerdings bewußt bleiben. Christian Klaiber, als Cäsar Rupf Industrieboss in Sachen Hosen, überzeugte als skurriler Fremdkörper in dieser spätrömischen Niedergangszeit. Theo Agiovlassitis, der den aus germanischer Gefangenschaft zurückgekehrten Ämilian spielte, ließ den Verdacht auf eine dort vollzogene Gehirnwäsche aufkommen – unter diesem Aspekt überzeugt die eindimensionale Anlage seiner Rolle. Tasso von Berlepsch überschlug sich geradezu als devoter, beängstigend gehorsamer Theoderich. Robert Keller schließlich, der „running Gag“ des Stückes, der als Reiterpräfekt Spurius Titus Mamma trotz eines Höchstaufgebotes sportlicher Leistung und einer Botschaft von unüberbietbarer Dringlichkeit diese nie loswerden konnte, zog seine Rolle bewundernswert konsequent und mit geradezu ansteckenden, stückgewollten Ermüdungserscheinungen durch.
Ein besonderes Bühnentalent scheint neben Thilo Ruprecht auch in Florian Jocham zu erwachen. Die beiden ihm anvertrauten, so unterschiedlichen Rollen – den zackigen Kriegsminister Mares sowie den gelassenen Germanenfürsten Odoaker – bewältigte er auf überlegene und durchdachte Weise.
Die Darsteller des Grundkurses haben der Versuchung widerstanden, komödiantischer Effekte willen den geistreichen Gehalt von Dürrenmatts Stück aufs Spiel zu setzen. Bei aller Lust am Komischen gelang es besonders im dritten Akt eindrucksvoll, Witz, Schlagfertigkeit und kluge Erkenntnisse, die gerade Dürrenmatt so kurzweilig machen, manch Schülertheater aber ins Stolpern bringen, in beachtenswerter Balance zu halten. Nach dem Valentin-Heider-Gymnasium hat nun auch das Bodensee-Gymnasium in seinem Grundkurs bewiesen, daß die gezeigten Ergebnisse eine Menge von dem bereithalten, was zum Theater-„Grundstoff“ gehören kann: ernsthafte Anregungen, sich mit Inhalt und Darbietung auseinanderzusetzen, Augenblicke, die als besondere „Bühnenmomente“ gelten können, der unabdingbare Mut zur Selbstdarstellung – und vielleicht auch die Hoffnung, die Lust auf Theater über die eigene Bühne und das gespielte Stück hinaus zu erhalten.