Roman wurde zur Theater-Sternstunde
Auch wenn Kenner wissen, dass Heribert Sasse selbst das Vorlesen des Telefonbuches zum Erlebnis machen würde, so hat seine Interpretation der „Leiden des jungen Werther“ so sehr gefesselt, dass sich ein weiterer Höhepunkt auf der Lindauer Bühne vermelden lässt.
Ein Tisch, ein Stuhl, ein Goethe-Buch. Wäre im Vorfeld näher auf diese Bühnensituation eingegangen worden, es hätten vermutlich weniger, gewiss aber weniger jugendliche Besucher ins Stadttheater gefunden. Zu Recht hat deshalb das Kulturamt denjenigen in den Mittelpunkt seiner Vorankündigung gestellt, der für die frappante Wirkung dieses Abends bürgen konnte: den Wiener Schauspieler, Regisseur und Theaterintendant Heribert Sasse.
Etwaige Bedenken, ob ein 58-Jähriger die Nöte und Liebeswallungen jener tragischen Romanfigur überzeugend darstellen könnte, hat er bereits nach wenigen Minuten so gründlich vom Tisch gefegt, wie das eben nur Künstler seiner Qualität vermögen. So gab es manchen Schüler, der im Angesicht eines dermaßen unscheinbaren Bühnenbildes von seiner Absicht, das Theater spätestens nach der Pause zu verlassen, ganz schnell abgerückt ist. Wie dieser, so ließen sich nahezu alle von Sasses Schauspielkunst in Bann ziehen und konnten am Ende wohl noch besser begreifen, weshalb Goethes „Werther“ zum ersten internationalen Bucherfolg wurde.
Vordergründig war das die Aufgabe: Jene Briefe vorzulesen, die der junge Werther zwischen dem 4. Mai 1771 und dem 23. Dezember 1772 – einen Tag vor seinem Selbstmord – an seinen Freund Wilhelm geschrieben hat. Goethe schafft es durch diesen „Schreib-Trick“, der Wucht von Werthers Gefühlen gegenüber der Natur, insbesondere aber natürlich denen gegenüber Lotte all den überbordenden Ausdruck zu verleihen, der sich innerhalb klassischer Prosa verbietet. Diese Emotionen, Gefühlsregungen und inneren Abgründe sichtbar, vor allem aber glaubhaft zu machen, ohne den platten und unkontrollierten Schwärmer abzugeben, war die eigentliche Leistung Heribert Sasses an diesem Theaterabend.
Selten war Theater so packend
Die Unmittelbarkeit, mit der er den Zuhörer an Werthers Befinden und Seelenlage, an seiner vermeintlichen Isolation teilnehmen ließ, hatte großes schauspielerisches Format. Wer anfangs geglaubt haben mag, es könnten vielleicht weitere Mitspieler in die Handlung einbezogen werden, um das Stück „anschaulicher“ zu machen, dem hat Heribert Sasse eindrücklich gezeigt, wie absurd dieser Gedanke war: Selten war Theater dank eines überragenden Schauspielers so packend, und Heribert Sasse machte deutlich, dass diese Wirkung an allem Möglichen liegen kann, aber gewiss nicht an der Anzahl der Bühnenakteure.
Manch einer mag zunächst bedauert haben, dass Ibsens „Totentanz“ einem „Ersatzstück“ weichen musste. Nach dieser Theater-Sternstunde allerdings ist man fast geneigt, sich heimlich über diesen bedauerlichen Ausfall zu freuen.