Der Kaiser vom Alexanderplatz (Horst Pillau)

Qualität in jeder Hinsicht

Zeitgeschichte als Volksstück? Die Jugend zumindest schien einer solchen Möglichkeit zu misstrauen – und hat im Falle dieser „Kriegskomödie“ein gut inszeniertes Theaterstück mit hohem Unterhaltungswert vorüberziehen lassen. Diejenigen aber, die gekommen waren, mussten durchaus keine Hauptstadt-Fans sein, um sich in den atmosphärischen Sog jener Berliner Kneipe ziehen zu lassen, die „Der Kaiser vom Alexanderplatz“ führt.

„Macht mir die Ruinen nicht kaputt!“ Um dieser ironischen Aufforderung Wilhelm Kaisers nachzukommen, bedurfte es schon einer reifen Bühnenbauleistung. Denn seine verschiedenen Kneipenräume mussten so zwischen besagten Ruinen platziert sein, dass jeder Umbau in Sekundenschnelle vonstatten ging. So war auch äußerlich dafür gesorgt, dass sich Horst Pillaus Volksstück zügig und mit dramaturgischem Gespür auf das schnelle Ende des „Tausendjährigen Reiches“ zubewegen konnte. Keine Langeweile also, die Regisseur Klaus Gendries je aufkommen lassen wollte, und daran hat insbesondere das gut ausgesuchte Ensemble seinen Anteil.

Was gibt es in diesem erfolgreichen Nachkriegsstück nicht alles für Figuren, die den Ungeist jener Zeit repräsentieren und die es uns heutigen Zuschauern so merkwürdig einfach machen, nur mit den „Guten“ zu sympathisieren!

Mit solchen eindeutigen Rollen hatten die Schauspieler natürlich keinerlei Probleme – Alexander Wikarski etwa, der als Hinze das „Dritte Reich persönlich“ verkörperte oder Regisseur Klaus Gendries, der als Heidenreich so glücklich in der braunen Soße badete. Ergiebiger, schauspielerisch vermutlich auch reizvoller waren aber dann die Rollen, die in jenen bedrohlichen Kriegstagen vor dem Zusammenbruch Berlins ohne den Glauben an den Führer auskommen mussten; das war etwa die Tresenkraft Wally, die von Brigitte Grothum mit der nötigen Bodenständigkeit, aber auch dem Anlehnungs- und Schutzbedürfnis ausgestattet wurde, das jene Zeit so zahlreich hervorgebracht hat. Das war auch die Edel-Hure Emma, die Debora Weigert so selbstverständlich zwischen Beruf und Ich-Sein aufteilen konnte (dass sie allerdings in ihrer verführerischen Alltagskleidung um Längen erotischer aussah als in der einzigen Szene, wo sie sich gewissermaßen am Arbeitsplatz in einer „Reizwäsche“ präsentierte, die allenfalls zum Widerspruch reizte, wirkte nicht schlüssig).

Eine Paraderolle für jeden Schauspieler aber ist natürlich die der Titelfigur – dies umso mehr, wenn sie wie im Falle von Achim Wolff von einem leibhaftigen Berliner gespielt wird. Die erforderliche Mischung aus Humor, Schlitzohrigkeit und seelischem Adel verkörpert Wolff in einem Maße, die ihn schlicht als ideale Besetzung für diese Figur auszeichnet. Stets bleibt er Herr der Situation, ohrfeigt schon mal einen fanatisierten Hitlerjungen oder verblüfft den Ortsgruppenleiter so direkt, dass der entwaffnet kapituliert. Er bestimmt den Umgangston, der trotz unterschiedlichster Gäste in seiner Kneipe herrscht – und mit „er“ ist sowohl der Kneipenwirt Wilhelm Kaiser als auch der Schauspieler Achim Wolff gemeint, der ihn so kongenial verkörpert.

Die Berliner „Komödie am Kurfürstendamm“ hat mit dem „Kaiser vom Alexanderplatz“ ein herrliches Theaterstück auf die Bühne gestellt – daran aber, dass es so authentisch wirkte, hatte Achim Wolff vermutlich den größten Anteil. Nach Musical und Klassiker-Verarbeitung nun dieses Volksstück – der lange Beifall zeigte, dass man die Vielfalt solcher Theaterformen durchaus zu genießen weiß. Was zählt, ist Qualität – und die gab es diesmal in jeder Hinsicht.