Provozierende Dialoge mit hohem Unterhaltungswert
Mit einer Pracht Schnee und einem Stromausfall, der gnädigerweise in die Pause fiel, markierte Shaws Pygmalion die Halbzeit der Lindauer Theatersaison (die Kinder dürfen sich noch aufs Dschungelbuch freuen, und manch‘ eher seltener Theaterbesucher auf die Chiemgauer an Silvester …).
Die Zwischenmusik bediente sich reichlich aus Themen von „My Fair Lady“, unter deren Name die geistreiche „Romanze“ – so die Bezeichnung von Shaw – ebenfalls zum weltberühmten Klassiker werden sollte.
Wenn man die Musical-Fassung mit Rex Harrison noch im Hinterkopf hat, fällt es schwer, Volker Brandts kauzige und seltsam holprige Darstellung des Phonetikprofessors richtig einzustufen.
„Wart’s nur ab, Mr. Higgins“, und kommen wir daher zunächst zu Liza Doolittle.
Jenny Jürgens, Tochter von Udo Jürgens, machte bereits mit ihrem temperamentvollen Blumenauftritt klar, daß sie der Glaubwürdigkeit ihrer großen Rolle nichts schuldig bleiben würde. Mit anfangs forscher Berliner Schnauze, der Unbefangenheit ihrer Bewegungen und selbstbewußtem Mienenspiel war schon jetzt zu ahnen, daß es kein leichtes Spiel für Higgins werden würde – und das in doppelter Hinsicht. Zielstrebig formte sie Shaws begehrte Bühnenfigur zu einem ausdrucksvollen Charakter, der ihre ungebändigten Ausfälle ebenso einschloss wie die bewegenden Momente der Selbstfindung und der wachsenden Distanz zu ihrem Lehrer.
Da mußte die ohnehin etwas farblose Rolle von Oberst Pickering mit Michael Rossié noch mehr verblassen, und selbst Max Reschke als unverwüstlicher Müllkutscher Alfred Doolittle wirkte mehr durch die glänzende Beherrschung seiner urwüchsigen Sprache als durch die Unwiderstehlichkeit seiner Persönlichkeit. Fraglich bleibt auch, ob der stereotyp und etwas einfältig gezeichnete Freddy (Sebastian Kügler) sich nicht überheben würde, wenn er dereinst Liza zu ehelichen gedenkt.
So gesehen ging diese Theaterrunde wohl an die weiblichen Darsteller. Mit Doris Jensen und Tanja Dressler standen Liza eine distinguierte Mrs. Pearce und die naiv-erwartungsvolle Clara Hill zur Seite.
Das helle Bühnenbild erinnerte in seiner Anordnung an den antiken Ursprung der Komödie, irritierte aber zuweilen mit allzu plumper Ausstattung (mehrfach aufgeklebtes Bild einer Stereoanlage mit deutlicher Sendererkennung: „Antenne“).
Als passender Szeneneinstieg dürfen die beiden Wort- und Dialektspiele bei noch geschlossenem Vorhang gelten, die auf köstliche Weise an den Witz der Musical-Variante erinnerten.
Der Schreiber, mit Stück und Rolle des Henry Higgins wohlvertraut, bekennt, daß er mit der etwas groben Anlage dieser Rolle mit Volker Brandt seine Schwierigkeiten hatte. Der derben, zuweilen plakativen Überzeichnung des schwierigen Charakters mangelte es zuweilen an Charme und Unwiderstehlichkeit, die es zumindest nachvollziehbar machen könnten, wenn Liza nicht ganz von ihm loskommt. Insofern tat sich doch eine gewisse Lücke zwischen seinem anfangs lustspielhaften Tun und den nicht ganz passenden Gefühlsregungen im Schlussteil von Pygmalion auf.
So war die Inszenierung geprägt von der Unmittelbarkeit und komödiantischen Wirkung ihrer herrlichen (und oft provozierenden!) Dialoge; das aber, was ihren besonderen Unterhaltungswert ausmachte, dankt sie der fesselnden Gestaltung der Liza Doolittle durch Jenny Jürgens.