Baumeister Solness (Henrik Ibsen)

Psycho-Klassiker

Zu den ausgesprochenen Publikumsmagneten zählt Ibsens „Baumeister Solness“ nicht. Etwa 350 Zuhörer hat er dennoch ins Stadttheater gelockt und dabei mit Adelheid Müthers Inszenierung, dem atmosphärisch verdichtenden Bühnenbild und einer hervorragenden Ensembleleistung eindrucksvoll bewiesen, weshalb auch solche Psycho-Klassiker zum großen Theaterrepertoire gehören.

Armer Solness! Fasziniert von der Anziehungskraft der weiblichen, bedroht vom beruflichen Können der männlichen Jugend baut er ein Gebäude nach dem anderen. Seinen eigenen Erfolg verdankt der inzwischen Vierundsechzigjährige einem Brand, dem das Haus seiner Schwiegereltern zum Opfer fiel und ihm damit – keineswegs ungelegen – zu einem großen Grundstück verhalf. Doch als Spätfolge sterben auch seine beiden Kinder und mit ihnen das Vertrauen seiner Frau Aline und ihr einstiges gemeinsames Glück. So baut Solness auch gegen sein schlechtes Gewissen, doch diese Therapie greift nur unvollkommen.

Bis eines Tages die junge Hilde auftaucht und Solness an das leichtfertig abgegebene Versprechen erinnert, das er der damals Zwölfjährigen im Überschwang gegeben hat: sie zu entführen und ihr ein Königreich zu schenken. Er erkennt darin die Chance zu einem privaten und beruflichen Neuanfang, und er will sie nutzen – vielleicht würde das auch die Opfer, die er anderen zugemutet hat, überflüssig machen. Seine bisherige Maxime „Ich trete für niemanden zurück“ gerät ins Wanken.

Die Übersetzung von Peter Zadek und Gottfried Greiffenhagen verflüssigt die 110 Jahre alte Vorlage in eine glaubhafte, gleichwohl spannende Geschichte, der die augenscheinliche Symbolträchtigkeit nie im Wege steht: Unmögliches darf ohne Zeigefinger gewagt werden, und der Tod von Solness, als er für Hilde noch einmal auf den Turm steigt und dabei abstürzt, hängt nicht bleischwer über dem Handlungsverlauf.

„Baumeister Solness“ – ein wenig Macho, ein wenig altersschwächelnd, oftmals traurig, aber auch berechnend genug, um zu wissen, wie man einen Liebhaber abgibt. Und erst in zweiter Linie das, was Hilde ihm entgegenschleudert: Kalt, gemein und zynisch zu sein. Joachim Bliese erfüllt alle Anforderungen an diese Charakteristika mit Bravour und bringt zunächst die stille, aber vorgetäuschte Leidenschaft zu seiner jungen Sekretärin Kaja mächtig in Schwung. Eva-Christina Langer gestaltet diese im Grunde tragische Figur anrührend und naiv, aber stets vor den Grenzen der Selbstverleugnung halt machend.

Andrea Gloggner gelingt es auf bewundernswerte Weise, Aline Solness zwar als schicksalgezeichnete, gelegentlich auch entrückte Ehefrau zu zeichnen, dabei aber immer auch darauf zu achten, dass ihr Alltag noch andere Sorgen bereithält – nicht zuletzt die Eifersucht auf das Junge und Weibliche, dem sich ihr Mann so gerne aussetzt.

Mit Monika Praxmarer steht Joachim Bliese einer Schauspielerin gegenüber, die all die Eigenschaften der Hilde zu verkörpern weiß, die das Wagnis eines Neuanfanges für Baumeister Solness rechtfertigen: Unerschrocken, temperamentvoll und respektlos zwingt sie diesen, seine bisherige Lebensweise und -haltung zu überprüfen, und sie tut das mit einer schauspielerischen Fantasie, die erst nach und nach zum Tragen kommt. Ihre Dialoge mit Joachim Bliese geraten zu einer mitreißenden Auseinandersetzung, ihre Aufforderung, nun endlich noch einmal den Richtkranz auf den Turm zu hängen, zur einzig logischen Konsequenz. Die Sekunden, als Solness – für den Theaterbesucher unsichtbar – den Turm besteigt, oben ankommt, winkt und plötzlich doch abstürzt – werden auch für den Zuschauer zu bangen Augenblicken in atemloser Stille.