LINDAU – So hat der Albtraum jedes Musikensembles doch noch ein gutes Ende gefunden: nur zwei Stunden vor Aufführungsbeginn musste Andreas Baumann, Leiter der „Lindauer Bläsergruppe“ vor den Attacken einer heftigen Grippe kapitulieren. Zum Glück aber war mit Thomas Spieß ein erfahrener Dirigent unter den Spielern, sodass zumindest ein leicht gekürztes Programm vor dem Altar der Stephanskirche erklingen konnte.
Bedenkt man die gut gefüllte Kirche, so wäre die drohende Absage wohl auch für die vielen Anhänger dieses traditionellen Serenadenkonzertes eine herbe Enttäuschung gewesen. So aber waren zum einen die intensiven Probearbeiten durch Andreas Baumann abgeschlossen – selbst seine erklärenden Texte fanden in Bernhard Graf einen routinierten Interpreten – und zum anderen hatte der Dirigent der Jugendkapelle, Thomas Spieß, genügend Erfahrung und auch Mut, den nunmehr verwaisten Part zu übernehmen.
Wieder einmal war das Programm, dessen Kompositionen sich über sechs Jahrhunderte erstreckten, durch eine interessante Gegenüberstellung zusammengehalten und zu einer stimmigen Dramaturgie geformt: die klare Struktur einzelner Märsche – nämlich von Byrd, Bach, Mozart und Grieg – wurde in reizvollen Kontrast zu besonders polyphonen Werken gesetzt. Das hat zum einen die Vielfalt der Blechbläserliteratur dokumentiert, zum anderen aber auch den sicheren Umgang der Lindauer Bläsergruppe mit ganz unterschiedlichen Stilrichtungen dokumentiert.
Seinen Sinn für besondere Effekte hatte das Ensemble bereits im einleitenden „Tuba mirum“ aus dem Verdi-Requiem spüren lassen, als ein Teil der Bläser aus dem Chorraum agierte und so für voluminöse Raumwirkung sorgte. Später folgte man der dorischen Tonart bei Palestrina, hob bei Gottfried Reiches Fuge zu hellem Trompetenklang an, um sich bei Mozart, noch mehr aber bei Bruckners c-moll-Fuge souverän durch die komplexe, fastsymphonische Dichte dieser strengen Kompositionsart zu manövrieren. Gerade hier, wo jeder Einsatz stimmen muss, ist jedes Ensembles auf die klaren Vorgaben eines Dirigenten angewiesen, und Thomas Spieß hat sie großartig erfüllt.
Die drei Lieder von Martin Gotthard Schneider und die flotten Spiritualzugaben am Schluss klangen dann fast erleichtert; bei dem musikalisch ungemein forsch gesteigerten Titel „Danke für diesen guten Morgen“ dann wird mancher Musiker noch mehr den Dank für diesen – trotz allem – guten Abend gemeint haben. „Heut‘ war ein schöner Tag“, ein weiteres Lied aus dieser Reihe, hat für die „Lindauer Bläsergruppe“ letztlich doch noch seinen Wahrheitsgehalt behalten. Den Schlussapplaus aber wird es sich gerne mit Andreas Baumann, der einen ganz entscheidenden Anteil am Erfolg dieses Konzertes hat, teilen.