Plötzlich letzten Sommer (Tennessee Williams)

Muttersöhnchen bricht aus

„Keine Irrenanstalt“ – so Catharine Holly zu ihrer Tante Violet – „ist ein reizender, netter Ort.“ Manchmal trifft das auch auf das Theater zu. Dort aber können schlimme Anstaltserfahrungen zu einem zwar bedrückenden, aber fesselnden Bühnenerlebnis werden.

Wenn Cordula Trantow und Jacques Breuer ihren langen Anfangsdialog bestreiten, ist man zunächst nicht sicher, ob „Plötzlich letzten Sommer“ genügend Kraft und Atem für die veranschlagten 100 Minuten haben würde. Zu offensichtlich ist die Absicht, hier die verkorkste und gesundheitlich angeschlagene Mutter darzustellen und dort den Gehirnchirurgen, der für Geld schon mal einen größeren Sprung über ethische und medizinische Grenzen wagt. Denn das ist das Ziel der reichen Witwe Venable: ihre Nichte Catharine mit einer Operation von der entsetzlichen Wahnvorstellung zu befreien, die diese vom Tod ihres vergötterten Sohnes Sebastian verbreitet. Ein erster Schritt dorthin war bereits gemacht: die erfolgreiche Einweisung Catharines in eine Irrenanstalt. Dies also ist der vorläufige Preis, um die kolossale Lebenslüge der Mutter – „mein Sohn ist ein begnadeter Dichter, der sein Leben nur mir und allem Schönen gewidmet hat“- aufrechtzuerhalten.

Todesart bleibt am Ende offen

Anders als die ganzen Jahre zuvor, hat der sich nämlich „plötzlich letzten Sommer“ geweigert, seine Rolle als keuscher Jüngling und begnadeter’Dichter an der Seite seiner tyrannischen Mutter weiterzuspielen; stattdessen war er diesmal mit seiner hübschen Cousine Catharine ans Meer gefahren. Dort dient sie als Lockvogel für jede Menge schöner Jünglinge und nackter, aber armer Knaben. Die aber trachten nicht nur nach dem Geld des Vierzigjährigen, sondern unversehens auch nach seinem Leben: Sebastian wird von ihnen gejagt, zu Boden gerissen und schließlich zerfleischt. Tod durch Kannibalismus? Das passt natürlich überhaupt nicht ins verklärte Musenbild, in das Violet Venable ihren keuschen Sohn all die Jahre gezwängt hat. Am Ende bleibt offen, wie sie mit der Schlussbemerkung des Arztes umgehen wird: „Man sollte zumindest die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass die Geschichte wahr sein könnte.“

Tennessee Williams spart nicht mit wuchtigen Anspielungen auf alles Zerstörerische: Überdimensionale, Fleisch fressende Pflanzen bevölkern die

Bühne, blutrot ist Catharinas Kleid; beides setzt sich effektvoll gegen das „unschuldige“ Weiß der Kostüme des Arztes oder der Mutter ab. Und er schafft mit dieser Catharina, die aus Sicht von Tante Violet verantwortlich für den Tod ihres Sohnes ist, eine Bühnenfigur, die das Maß der aufkommenden Spannung auf besondere Weise bestimmt. Regisseurin Pia Hänggi und Schauspielerin Stephanie Kellner nutzen diese dramatische Vorlage gekonnt, ja virtuos, so dass diese Frau immer mehr ins Zentrum des gewaltigen Spannungsfeldes rückt. Hat „frau“ zu Beginn noch mit Elementen des Wahnsinns und des Unberechenbaren gespielt, so wird in der packenden Darstellung von Stephanie Kellner immer deutlicher, dass es am Schock über den schaurigen Tod von Sebastian und seine tragischen Folgen für sie lag, wenn sie bisher einfach nicht darüber sprechen konnte.

Am Ende scheint die Gefahr einer Gehirnoperation gebannt – die Abgründe aber, die sich auftun können, wenn „alte Mütter ihre Söhne festhalten wie an einer Nabelschnur“, gehören nach wie vor zum gesellschaftlichen Alltag. Kaum jemand hat das so schonungslos auf die Bühne gestellt wie Tennessee Williams vor über 40 Jahren.