LINDAU – Mit Verdis „La Traviata“ hat sich die Lindauer Marionettenoper endgültig in die höchste Spielklasse europäischer Marionettenkunst gehievt. An der subtil umgesetzten Personenregie dieser Oper könnte sich manche Bühne ein Beispiel nehmen – und Pavarotti gibt’s so lebendig nirgendwo mehr.
Davon träumt jeder Opernregisseur: Eine Joan Sutherland und einen Luciano Pavarotti an 130 Tagen zur Verfügung zu haben, dazu ein komplettes Ensemble mit Orchester und Dirigent, um eine möglichst optimale Inszenierung zu erarbeiten. 130 Tage nämlich war die Lindauer Marionettenoper damit beschäftigt, diese Oper zu dem künstlerischen Ereignis zu machen, das es nun geworden ist. Die ursprünglichen Bedenken, dass die Möglichkeiten einer Holzfigur am intimen Charakter des Werkes und dem Mangel an bewegten Szenen scheitern könnten, lösten sich schon bald in Luft auf. Das ist zuallererst Bernhard Leismüller, dem künstlerischen Leiter, und Regisseur Ralf Hechelmann zu danken.
Gewiss gibt es in Verdis melodienseligem Meisterwerk herrliche Massenszenen, in denen die erfahrene Mannschaft der Marionettenoper die Illusion exzellent umsetzt, auf einer echten Bühne zu agieren. So warten das berühmte Trinklied am Beginn als auch die Ballszene im zweiten Akt nicht nur mit lockerer Partyatmosphäre auf, sondern sie bieten den Machern auch Gelegenheit, beides mit humorvollen Gags und auflockernden Elementen zu versehen
Beinahe überflüssig, auf die liebevoll ausgestattete Bühne (Bettina Hummitzsch) und die wieder einmal herrlichen Kostüme aus der Hand von Bernhard Leismüller hinzuweisen: Die Liebe zum Detail findet auch in dieser Produktion wieder ihre Erfüllung und setzt sich in der delikaten Lichtführung fort. Die legendäre CD-Einspielung aus den 80er Jahren besticht durch ihre gute Tonqualität und mutet in ihrer kongenialen Besetzung wie eine nachträgliche Verbeugung vor dem verstorbenen Luciano Pavarotti an.
Schöner wurde selten gestorben
Mit Matteo Manuguerra, der in dieser Aufnahme den Vater Alfredos sang, ist es gerade die ausdrucksstarke Interpretation der Hauptfiguren, die den Puppenspielern – allen voran Bernhard Leismüller – größtes Einfühlungsvermögen abverlangt.
In diesem Punkt erreicht die Kunst der Lindauer Marionettenoper einen neuen Höhepunkt: Mit bis zu zwanzig Fäden am Spielkreuz erzielen die Darsteller hinsichtlich der Bewegungsabläufe einen Nuancenreichtum, der die Illusion vollkommen macht. Fast könnte man angesichts der sensiblen Umsetzung der herzergreifenden Geschichte von einer psychologischen Studie in Holz sprechen, vergäße man während der Aufführung nicht ständig, dass es sich bei den Darstellern tatsächlich nur um Holzfiguren handelt. Schöner und anrührender als hier wurde selten gestorben.
Mit der Inszenierung der Traviata hat die „Lindauer Marionettenoper“ ein weiteres Vorzeigestück geschaffen – einzigartig bestimmt innerhalb der Marionettenkunst und für Lindaus Kulturleben eine Kostbarkeit, die sich kein Musik- und Kunstliebhaber entgehen lassen sollte.