Der Parasit (Schiller)

„Parasit“ weckt Neugier auf die neue Theatersaison

Kein alter Zopf trotz Schiller, kein Unsinn, obwohl’s ein Lustspiel war: So könnte die Bilanz nach der ersten Vorstellung der Lindauer Theatersaison 2006/2007 lauten. „Der Parasit“ in der gelungenen Fassung des Schauspielhauses Bochum bescherte den Darstellern einen ungewöhnlich langen Schlussbeifall.

Als Kleinstadt, die bei ihrer Theaterplanung weitgehend vom Angebot unterschiedlicher Tourneebühnen abhängig ist, liegt der Preis für die größere Vielfalt an Schauspielern und Bühnen oft im höheren Risiko, auch mal eine platte Inszenierung, müde Schauspieler oder ein albernes Stück zu erwischen. Der Ausgang des „Eröffnungsspieles“ ist also schon deshalb spannend, weil er im negativen Falle ein schlechtes Licht auf die Gesamtsaison im Allgemeinen und das Tourneetheater im Besonderen werfen könnte.

Vor diesem Hintergrund werden Besucher und Verantwortliche entspannt aufgeatmet haben. Zwar gehört Schillers „Parasit“ nicht zu den üblichen Klassikern, die man sonst mit seinem Namen in Verbindung bringt; gleichwohl erkennt man in diesem Lustspiel auf Grund seines Aufbaues, seiner geschliffenen Dialoge und – dies in besonderer Weise – seiner Zeitlosigkeit jederzeit die Feder eines Meisters. Erfreulicherweise hat man dabei auf jeglichen Plunder wie Perücken oder Puder verzichtet und sich lieber auf eine intensive Personenführung konzentriert.

Annette Raffalt hat in ihrer Regie auf straffe Dialoge und angemessenes Tempo geachtet, dabei aber genüsslich angehalten, wenn eine Situation von Interaktion und Situationskomik lebte. Ein paar geistvolle Regieeinfälle und die schön genutzten Räume rundeten den positiven Gesamteindruck dieser Inszenierung vollends ab.

Neuer Schluss lässt erschrecken

Das agile Schauspiel-Ensemble wurde insbesondere von den beiden Widersachern Selicour und La Roche geprägt, die von Wolfgang Grindemann und Dietmar Pröll in komödiantische Höhen katapultiert wurden, um dort mit vorsätzlicher Überzeichnung und unverhohlener Slapstick-Neigung einherzuwirbeln. Das hat für amüsante Kurzweil gesorgt, in einigen Szenen vielleicht aber doch den Wunsch nach größerer Zurückhaltung geweckt.

Sei’s drum: die einmal gewählte Spielanlage wurde jedenfalls von beiden konsequent durchgehalten, und immerhin entsprang daraus im Gegenzug aus manch stummer Sequenz eine hochklassige, oft urkomische Pantomime. Vieh Aufmerksamkeit zog auch das subtile Spiel von Michael Schories auf sich, der als Dritter im Bunde der „Subalternen des Ministers“ den Bescheidenen, Zuverlässigen und in der Regel Unterschätzten gab.

Denn die Handlung und Aussage von Schillers „Parasit“ speist sich ja in erster Linie aus den Tricks und Finessen, die so oft diejenigen ans Licht und in den Mittelpunkt rückt, die von keinerlei moralischen Skrupeln geplagt werden, selbst wenn sie auf dem Weg dorthin ein paar Leichen liegen haben; eine jener Karrieren also, die vornehmlich durch Mobbing, Falschaussagen und Schmeichelei Zustande kamen.

Bei Schiller und seinem Lustspiel nimmt das Stück natürlich eine gute Wendung, und auch die aus Bochum übernommene Inszenierung ändert zunächst nichts daran. Dann aber, als es eigentlich schon zu Ende ist, kommen die Schauspieler nochmals auf die Bühne, sogar ein weiteres Mal, und sie sprechen einige Schlüsselsätze und den Schluss erneut, jedoch mit vertauschten Rollen; plötzlich erschrickt man als Zuschauer, weil demonstriert wird, wie wenig es bedarf, um den Bösen zum Guten zu machen, den Zurückhaltenden zum Karrieristen, den Verschmähten zum Liebesobjekt.

Nicht einmal hier gilt Schillers Zitat: „Der Schein regiert die Welt, und die Gerechtigkeit ist nur auf der Bühne.“ Die frappierende Inszenierungsidee mündet so in einem starken Finale, dessen Wirkung sich in rhythmischem Klatschen entlädt.