Packendes Finale der Theatersaison: Brisantes auf die Bühne gebracht
Mit dem „Prozess der Claudia D.“ – auch als der Film „Durchgedreht“ bekannt – hat die Theatersaison einen großartigen Abschluss gefunden, weshalb man die lange Pause bis zum Wiederbeginn im Herbst fast bedauern muss.
Vielzahl und Vielfalt der anstehenden Veranstaltungen sorgen dafür, dass Interessierte nicht in ein kulturelles Loch fallen. Nach der harmlosen „Hokuspokus“-Vorstellung also wieder eine Gerichtsverhandlung.
Würde dieser Fall größere Anteilnahme erzeugen als jener zuvor? Und ob: Da saß mit Frank Trunz einmal ein Richter am Tisch, dessen sympathisches Desinteresse zu Beginn sich in genau berechneten Schritten in Neugierde und Offenheit verwandelte, die am Ende zu einer weisen Entscheidung führten; in einem Prozess, wo die öffentliche Scham über ein Urteil wegen Totschlags dadurch vermieden werden sollte, dass Mutter und Stiefvater der Täterin diese für unzurechnungsfähig erklären wollten. Dass dieser Totschlag in Notwehr gegen eine Vergewaltigung geschah, war ein Aspekt.
Was das dreiaktige Stück aber beklemmend und fesselnd machte, war das langsame Entstehen einer neuen Situation: es ging um den langjährigen Missbrauch der Tochter durch den Stiefvater samt der fatalen Folgen, die sich für ihr Leben ergaben.
Was hat Autor Tom Topor für Rollen erschaffen, um diese Thematik umzusetzen – und wie überzeugend hat Regisseur Gerhard Klingenberg für eine angemessene Besetzung gesorgt. Christa Pasemann als völlig überforderte Mutter und Gattin, die dort, wo die Liebe zum Kind am nötigsten gewesen wäre, aus Angst völlig versagt. Oder Gerhard Friedrich, der den verirrten Stiefvater mit schauspielerischer Glanzleistung auf die Bühne bringt, immer mehr preisgibt und – in die Enge getrieben – jegliche Haltung verliert.
Nach langer Arroganz und Selbstgewissheit gerät auch der psychiatrische Gutachter, den Arno Berger hervorragend spielt, zunehmend ins Zwielicht, und seine Berufung auf „meine fachliche Meinung“ wird peinlich. Was sich bei den genannten Personen schauspielerisch zwischen ihrer Funktion zu Beginn des Stückes und am Ende abgespielt hat, war umwerfend und hat die Vorstöße von Staatsanwalt (Mathis Schrader) und Pflichtverteidiger (Leo Braune) erleichtert. Und endlich Susanne Uhlen: Alle Verletzungen und Empfindungen, der Schrecken und die Rache an dem, was ihr von allen auf unterschiedliche Weise angetan wurde, bringt sie auf spielerische Höchstform, ohne je ins Plakative abzugleiten. Ihre nachvollziehbare Überzeugung, dass nicht sie, sondern die anderen angeklagt werden müssten, war glaubwürdig und echt.
Das Gebräu aus falscher Erziehung, unausrottbaren Vorurteilen und gemeinem Machtmissbrauch bündelt sie zu einem Frauenschicksal, das in seiner furchtbaren Dimension und Tragik oft gar nicht erkannt wird. So erfährt Theater auch aus der Tatsache seine Legitimation, dass es brisante gesellschaftliche Themen mit seinen Mitteln auf die Bühne bringt und so mehr Menschen erreicht, als es jeder Vortrag tun würde.