LINDAU – So hat der Zufall doch noch dafür gesorgt, dass die sommerlichen Orgelkonzerte in St. Stephan nicht mit einem krankheitsbedingten Ausfall zu Ende gehen mussten: Natascha Majevskaja und Thomas Jäger- beide Konzertorganisten und in Lindau auf Urlaub – haben von dem Malheur erfahren und sind effektvoll in die Bresche gesprungen.
Den Titel haben die beiden gleich als Markenzeichen schützen lassen: „Orgel ist mehr!“ Mehr, als da geboten wurde, möchte man also kritisch nachhaken, oder mehr, als man sonst von ihr kennt? Der Ansatz war klar: Orgelmeister wie Bach, Buxtehude oder Reger hatte man diesmal außen vor gelassen und sich stattdessen Stücke aus Klassik und Jazz vorgenommen und sie für Orgel arrangiert.
Das muss nicht origineller sein, als „Yesterday“ für Dudelsack oder die „Vier Jahreszeiten“ für Mundharmonika zu bearbeiten. Doch hatte gleich Mozarts Titus-Ouvertüre, der die beiden vierhändig und vierbeinig zu Leibe rückten, gezeigt, dass es sich bei beiden Spielern um gestandene Musiker handelte, die genießerisch auf fremdem Musikterrain zu wildern wussten.
Natascha Majevskaja leistete sich dabei den Luxus, ihren glockenhaften Sopran als „Vox humana“ der selbst gespielten Orgel beizumischen, und so mit Mendelssohns Psalms 42 und zwei Arien aus Mozart-Vespern zwar textlos, aber stimmenreich zu verblüffen. Thomas Jäger, selbst als katholischer Kirchenmusiker tätig und so als Jazzinterpret auf der heimischen Orgel sicher unterbeschäftigt, trug seinerseits drei Standards aus diesem Genre bei, was einerseits zu reizvollen Klangergebnissen führte, andererseits aber auch für seine Erfahrung auf diesem Gebiet spricht. Eine frühe Haydn-Sinfonie, mehr noch Rossinis Ouvertüre zum „Barbier von Sevilla“ führte die beiden Organisten dann noch zweimal zum vierhändigen Orgelspiel zusammen.
Doch nach dieser Fülle musikalischer Fremdprodukte ließ der Reiz darüber doch ein wenig nach und ließ die Achtung vor so einem Wunderwerk wie der Orgel wieder wachsen, die derlei musikalische Ausflüge mit stoischer Erhabenheit geschehen ließ. Dabei fiel auf, dass ihre zahlreichen Möglichkeiten, viele Orchesterinstrumente zu imitieren, ziemlich ungenutzt blieben – ganz anders als im jüngsten Konzert von Stefan Moser. Vielleicht war es doch keine Täuschung, wenn man da inmitten des gutgelaunten und gerne klatschenden Publikums noch einen Pfeifenton entweichen hörte, der sich so anhörte: „Orgel kann mehr!“