Beste Unterhaltung ohne erhobenen Zeigefinger
Deutschlehrer können aufatmen: Beim Auftakt der Theatersaison mit „Nathan der Weise“ konnten ihre Schüler eine flüssige und humorvolle Inszenierung erleben, die unangestrengt aktuelle Bezüge herzustellen wußte. Ganz zuwider dürfte sie der neuen Glaubensdefinition der Herren Ratzinger und Co. sein, deren Kurie im Nathan ja schon einmal einen „Anschlag auf das Christentum“ sah:
„Tut nichts, der Jude wird verbrannt!“ Wem erst bei solch frommen Christenwünschen wieder die Brandanschläge von Düsseldorf und davor eingefallen sind, der hat zwischenzeitlich vielleicht die subtilen Möglichkeiten ordentlicher Theaterstücke vergessen, „klassisch“ und zeitnah zugleich zu sein. Klaus Wagner hat mit der Inszenierung des „Dramatischen Gedichtes“ von Lessing eine Arbeit vorgelegt, die beste Unterhaltung ohne erhobenen Zeigefinger bot – und daneben einen Nathan auf die Bühne gestellt, der weise und menschlich genug blieb, um ihn sich leichter bei einem Familienfest als in der Walhalla vorzustellen. Seine Erzählung der zentralen Ringparabel geriet dabei zum darstellerischen Höhepunkt der ganzen Aufführung.
Doch zunächst war sein Betätigungsfeld einer geschickt verwandelbaren Bühne anvertraut, die mit Tüchern, Säulen und monochromer Farbgebung Hinweise auf den gemeinsamen Austragungsort für muslimische, jüdische und christliche Disziplinen bot.
War es mehr als ein symbolischer Inszenierungseinfall, wenn die Flammen um die jüdischen Holzsymbole am Beginn nicht von unserer Feuerwehr, sondern von Nathan selbst gelöscht wurden?
Sein Trauma – ergreifend im vierten Aufzug vorgetragen -, einst Frau und alle sieben Söhne durch christliches Feuer verloren zu haben, fand in dieser starken Anfangsszene sinnfälligen Ausdruck. Christiane Ohm als seine angenommene Tochter muß deren „überspanntes Hirn“ lange über diese Bühne tragen und dabei hysterisch tun; dabei wirbelt sie mit Gesellschafterin Daja viel Staub und Bühnensand auf.
Hannelore Zeppenfeld macht aus dieser Rolle eine sympathisch-kupplerische Figur, die sie aber immer noch anfällig genug macht für missionarischen Eifer und kirchlich legitimierten Verrat.
Es wird viel, vielleicht ein wenig zu viel auf Lindaus kleiner, aber feiner Theaterbühne gelaufen: keine leichte Aufgabe zumindest für Wolfram Ehrenfried als junger Tempelherr, der spielerisch stark gefordert ist, um seine Statur – ein Mittelding zwischen Tarzan und Schwarzenegger – auf das nötige Rollenmaß eines verliebten, gelegentlich verzweifelten Ordensritter von Jerusalems Heiligtümer zu reduzieren. Thomas Braus mimt den Sultan Saladin, dem er wohl nicht allzu viel psychologischen Tiefgang zutraut und deshalb wohl lieber mit muslimischen Vorurteilen versieht: leichtes Spiel also für Angelika Auer, die als Schwester Sittah überwiegend damit beschäftigt ist, die Rolle der Frau in diesen Kreisen charmant und selbstbewußt aufzuwerten, ohne aber zu vergessen, wann es dann Zeit für den Schleier wird.
Für viel Vergnügen, das er mit bedenklich hohen Realitätsanteilen erzielt, sorgt schließlich Hans Rudolf Spühler als Patriarch der katholischen Kirche Jerusalems: Viel Sympathien können es nicht gewesen sein, die Lessing für den Ausschließlichkeitsanspruch dieser Religion hatte, und Spühler weidet sich geradezu an den schrecklichen Glaubenssätzen und Autoritätsriten, die nicht nur über Nathans Familie so viel Leid gebracht haben. Die Legitimation des Theaters, auf Wahrheiten besonders übertreibend und persiflierend hinzuweisen, fand hier besonders starken Ausdruck.
Das Umarmungsfest am Ende des Stückes, wo Klaus Wagner der gegenseitigen Erkenntnis, dass alle ja zu einer einzigen Familie gehören, besonders komödiantische Züge verleiht, bezeichnet wohl auch gleichzeitig seine Bedenken und Zweifel an dem Gedanken, dass sich die herrschenden Weltreligionen einst zu solch heiterer, humanistisch begründeter Eintracht zusammenfinden könnten. Doch solange Stücke wie „Nathan der Weise“ immer noch Theater voll bekommen, lässt das den Schluß zu, dass das spirituelle oder gar religiöse Interesse vieler Menschen von vielem, aber bestimmt nicht von Diskussionen um die Vormachtstellung einer Religion bestimmt wird.