Nacht der Tribaden (August Strindberg)

Hemmungsloser Geschlechterkampf

So läuft das manchmal: nicht ein einziges Stück von August Strindberg, um dessen fragwürdige Haltung zum anderen Geschlecht es in der „Nacht der Tribaden“ geht, hatte je in Schweden einen solchen Erfolg wie dieses Schauspiel von Per Olov Enquist. Die „Neue Schaubühne München“ machte deutlich, weshalb.

„Schauspiel aus dem Jahre 1889″ heißt der Untertitel, und damit spielt Enquist auf das Ende der zweiten unglücklich verlaufenden Ehe Strindbergs an – auch sie konnte seine Verhöhnung der Frauenemanzipation mit längst überholten maskulinen Mitteln nur verstärken.

In einer fiktiven Theaterprobe treffen Strindberg, seine Noch-Frau Siri, deren Freundin Marie und Schauspieler Viggo Schiwe zusammen. Arrangiert hat das Siri, die jetzt für das Kopenhagener Dagmartheater die Verantwortung trägt.

Hartmut Reck als Strindberg, durch und durch eitel und sendungsbewusst, betritt als erster die Bühne, und auch er scheint seine Zweifel zu haben, ob es sich möglicherweise nicht doch um das Zwischenlager für eine Brauerei oder einen Flohmarkt handelt. Die Auftritte des selbstverliebten und idealistischen Schauspielers Viggo, prächtig dargestellt von Michael Rast, insbesondere aber von Strindbergs Frau Siri (Karin Rasenack) jedoch machen schnell klar, daß wir uns mitten auf dem Feld eines unerbittlichen Geschlechterkampfes befinden. Dieser entbrennt endgültig, als die alkoholsüchtige Marie Carolin David (Karin Anselm) erscheint, die in dem Einakter eine stumme Rolle übernehmen soll. Abrupt fördert sie die Erinnerung an einen drei Jahre zurückliegenden Vorfall zutage, der das vorläufige Ende einer für Strindberg kaum zu ertragenden Entwicklung war: Marie und seine Frau verliebten sich heftig ineinander, genoßen sich gegenseitig als Lesbierin, und das alles in Gegenwart des darob tief gekränkten Strindberg.

Hartmut Reck stellt diesen tief verletzt, noch tiefer verletzend vor, und hat dem doch nichts weiter als stumpfe Waffen aus einem längst überholten Männlichkeits- und Überlegenheitswahn entgegenzusetzen. Er spielt einen narzisstischen Higgins, der jedoch höchst eifersüchtig und rachsüchtig ist; in seinem Stolz will er nicht wahrhaben, daß das Interesse der beiden Frauen nicht ihm gilt, und schreibt prompt ein Stück, das so tut, als würden zwei Frauen um einen Mann kämpfen. Karir Rasenack brilliert in ihrer Rolle als Ehefrau, die eigentlich fast keine Nerven mehr für das eitle und quälende Getue ihres Gatten hat („diese Sau hab‘ ich zu einer internationalen Berühmtheit gemacht!“), parodiert zwischendurch eine Sequenz aus seinem Stück, daß sich auch das Publikum kaum mehr vor Lachen halten kann, und zeigt einfühlsam ihre zarten Gefühle für Marie, die währenddessen ein Bier ums andere leert. Trotz ihres Bierkonsums würdig und von glaubhafter Noblesse muß sich Karin Anselm vom rasenden Strindberg einiges anhören, was weit über die Grenzen des Erlaubten geht („Wischen Sie sich Ihre M…ab, Fräulein David! Falls Sie eine haben!“). Sie erzwingt dabei fast einen Wendepunkt, als Strindberg nach einem Bombardement gegenseitiger Offenheit, aber auch im Gefühl, daß sie alle innerhalb der Gesellschaft etwas besonderes verkörpern, einen Augenblick lang eine Art Zuneigung zu ihr gesteht.

Ein Stück, das möglicherweise etwas zu hart mit Strindberg und seinem Größenwahn umgeht („hier liege ich und mache Literaturgeschichte“). Seine Äußerungen in „Die Nacht der Tribaden“ indes sind alle seinem Gesamtwerk entnommen. So hat diese fesselnde Inszenierung wohl auch wieder die Neugierde auf Strindbergs Biographie geweckt.