Mutter Courage und ihre Kinder (Bertolt Brecht)

Mutter Courage vor aktuellem Hintergrund

Jetzt, wo es das Wort „Krieg“ wieder zu beträchtlichem Ansehen gebracht hat, darf die „Mutter Courage“ natürlich nicht fehlen. Im Lindauer Stadttheater war das Landestheater Schwaben mit Brechts Kriegschronik an der Reihe. Erneut blieb es dabei: Krieg ist für viele ein gutes Geschäft und er trifft in der Regel die Falschen.

Wenigstens auf den Lehrplan ist noch Verlass: Kommt Brecht auf die Bühne, bevölkern ganze Schulklassen das Theater. Nicht anders am Mittwoch, als das sonst an Tourneebühnen gewöhnte Publikum einer Aufführung des Landestheaters Schwaben beiwohnen durfte. Der Bühnenbildner Christian Vittinghoff hat dafür einen stimmigen äußeren Rahmen geschaffen: ein Karree aus Planen mit abstrakten grafischen Strukturen in Schwarz-Weiß-Grau, das den Bühnenraum eingrenzte und gleichzeitig Innen- und Außenraum sein konnte, ein dicht mit Stoffen und gebrauchten Kleidungsstücken wie eine Landschaft ausgelegter Boden und für die Schauspieler überwiegend grau gehaltene Kostüme.

Und diesen Bühnenraum galt es jetzt mit schauspielerischem Leben zu füllen. Insgesamt zehn Leute hat Intendant und Regisseur Walter Weyers für die 18 Rollen aufgeboten, und natürlich richtete sich der Blick zunächst auf die Besetzung der so vertrauten „Mutter Courage.“ Josephine Weyers gestaltete diese Paraderolle mit selbstbewusstem Habitus und kräftiger Sprache, deren Vokale sie allerdings oft in die Länge zog. Sie machte schnell einsichtig, dass Widerstand ihre Sache nicht ist und allenfalls eine gehörige Portion Opportunismus und Verschlagenheit ein Überleben im Krieg sichern könnten. „Not kennt kein Gebot“ heißt es da irgendwann und auch das Ausmaß ihrer Mutterliebe scheint kräftig darunter gelitten zu haben: nur kurz ist der Augenblick, wo sie um den hingerichteten Sohn Schweizerkas trauert, den Christopher Wintgens bemitleidenswert, also überzeugend spielt; und schnell findet sie sich damit ab, dass der ältere Sohn Eilif (Tom Keune) zum Dienst an der Waffe entführt worden ist.

Bleibt Kattrin, ihre stumme Tochter. Renée Kloninger hat mit ihrer nahegehenden Darstellung und ihrer packenden Mimik wohl den größten Eindruck hinterlassen: Weit davon entfernt, sich wie eine Irre zu gebärden, hat sie der ungeheuren Ausdruckstiefe, die Stummheit erzeugen kann, ihre schauspielerische Referenz erwiesen und die Worte ihres einfältigen Bruders („Kannst dich nicht ausdrücken?“) ad absurdum geführt.

Auch Kristin Meyer als Lagerhure Yvette beeindruckt zumindest in ihrem zweiten Auftritt als Obristenwitwe, wo nichts von ihrer ehemaligen Weiblichkeit übrig geblieben ist als ein röchelndes Wrack. Auch die anderen Darsteller fügen sich gut in das Memminger Ensemble, hinterlassen jedoch nicht den gleich starken Eindruck wie die Vorgenannten. Umso stärker wogen aber einzelne Inszenierungsmomente, etwa dort, wo die verzweifelte Mutter ihre vergewaltigte Tochter mit einer Unmenge Wasser sauber schrubbt und sie sich wenigstens dieses eine Mal zu dem Ausbruch verleiten lässt: „Der Krieg soll verflucht sein!“; oder als die tote Kattrin nach unendlich langen Augenblicken der Trauer von ihrer Mutter in ein Tuch gewickelt wird: Es ist das billigste, und nur das will sie entbehren. „Ich muss wieder in’n Handel kommen“, sagt sie am Ende. Sie gehört zu denen, die nichts dazu gelernt haben.

Das Landestheater Schwaben hat mit seiner Aufführung der „Mutter Courage und ihre Kinder“ eine zeitgemäße Inszenierung vor aktuellem Hintergrund geboten. So nachhaltig allerdings, dass man nun auf die Vielfalt der gewohnten Tourneebühnen verzichten wollte, war der Gesamteindruck dann doch nicht.