Musikalische Schätze voller Pracht entfaltet

LINDAU – Mit einer forschen, aber stimmigen Programmkombination hat Kantor Lutz Nollert mit „seinem“ Kammerchor gezeigt, wie wertvoll die musikalischen Schätze sein können, die von Kirchenmusikern immer wieder gehoben werden. Der ausgezeichnete Besuch wirkte wie eine Bestätigung dafür, dass es nicht nur der einfache Weg zum Kommerz und zu Allerweltsprogrammen ist, den das Publikum mitzugehen bereit ist.

Der gemeinsame Nenner für dieses Konzert war vermutlich schnell gefunden: Insgesamt zwei Werke mussten es sein, die mit opulentem Orchesterapparat und reizvollen Aufgaben für Chor und Solisten den Lobgesang widerspiegeln, der Mendelssohn in seiner Symphonie-Kantate vorschwebte. Fast wäre es dabei dem scheinbar unbekümmerten „Zweitwerk“ – Francis Poulencs „Gloria“ – gelungen, der monumentalen, ein wenig behäbigen Größe des Klassikers die Schau zu stehlen.

Daran hatte natürlich vor allem der Kammerchor seinen Anteil, der sich beherzt auf die ungewohnte, effekt-beladene Partitur stürzte. Die glänzend disponierte Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben rückte mit einer prachtvollen Bläsergruppierung an (von denen insbesondere die Klarinetten hervorgehoben werden sollen) und demonstrierte im Zusammenspiel mit den Vokalisten ihre Erfahrung und ihr Einfühlungsvermögen. Poulencs Vorliebe und kunstreiche Behandlung unterschiedlicher Bläserbesetzungen, die sich auch im Gloria äußern, gelangten auf diese Weise zu schönster Entfaltung. Zahllos waren die musikalischen Stationen, an denen man kommentierend verweilen könnte, doch ein Aspekt verdient dieses Innehalten ganz besonders: der ungemein charaktervolle, klare und intonationssichere Sopran von Stefanie Schwarz, die ihren schwierigen, meist in hohen Lagen spielenden Part mit großer Ausdruckskraft versah. Das Zusammenschmelzen von Sopran und Chor im „Dominus Deus, Agnus Dei“, noch mehr das ergreifende „Amen“ am Schluss gehörten zu den Momenten, die eine Gewähr für die Nachhaltigkeit dieser Aufführung sind.

Eine richtige Heimat hatte Mendelssohns Lobgesang-Sinfonie ja nie. Schon bei der Uraufführung, bei der es galt, 400 Jahre Buchdruckerkunst zu feiern, versuchte sie neben Webers „Jubelouvertüre“ und dem „Dettinger Te Deum“ von Händel jene Rolle zu füllen, die zwischen weltlicher Instrumentalmusik und geistlicher Vokalmusik vermittelte. Dem antiphonartigen Posaunenauftakt ließ Lutz Nollert ein sehr flott genommenes, vorwärts drängendes Allegro folgen, das erst das walzerartige Allegretto ausbremste. Manches Mitglied des Kammerchores, der aufgrund dieser Einleitungssinfonie fast 25 Minuten auf seinen Einsatz warten musste, wiegte sich hier schon sanft, ehe das „Adagio religioso“ – von den Streichern innig und satt vorgetragen-auf die jetzt folgenden Vokalteile überleitete. Bis dahin hatte das reich besetzte Orchester den akustischen Raum weit geöffnet,  und es dauerte seine Zeit, bis sich auch der Chor der Kraft dieser orchestralen Klangmassen angepasst hatte.

Es gehört zu den Besonderheiten dieses Konzertes, dass die Solisten dieses Werkes – die schon fast zur „Haussopranistin“ avancierte Sopranistin Birgit Plankel und der Züricher Tenor Bernhard Hundziker – zu solch unglaublicher stimmlicher Übereinstimmung fanden: Das Duett für zwei Soprane und Chor, das Birgit Plankel jetzt mit Stefanie Schwarz sang, war in seiner empfindsamen Darbietung ein echtes Glücksmoment, das vornehme Timbre von Bernhard Hundziker eine wahre Entdeckung. Wie immer war der Kammerchor in den beiden unterschiedlichen Werken Herr der Lage, sei es im gewitzten kompositorischen Gestrüpp des „Gloria“ oder in Passagen, in denen die Hürden – etwa im achtstimmigen „Die Nacht ist vergangen“- Chor – besonders hoch waren, aber trotzdem knapp genommen wurden. Die abschließende, überlegen gesungene Choralkantate „Verleih uns Frieden“ war dann nicht nur ein besinnlicher Ausklang zum Advent, sondern wohl auch ein Ausdruck dessen, was Menschen derzeit neben solch herrlicher Musik noch bewegt.