Michael Köhlmeier entführt Zuschauer in sein „Abendland“

LINDAU – Angesichts seines neuen, fast 800-seitigen Romans versteht man, dass sich Michael Köhlmeier für seine nächste Veröffentlichung ernsthaft überlegt, ob er für Lesungen wie jetzt im Zeughaus nach einer anderen Methode vorgeht: 30 Seiten innerhalb des Romans so zu konzipieren, dass ihm später die Mühen des Auswählens erspart bleiben.

„Meinen ersten Hund mit blauen Augen sah ich, da war ich neun.“ Mit diesem Satz beginnt Köhlmeiers Monumentalwerk, und damit begann er auch seine Lesung vor etwa 50 Zuhörern. Anders als bei manchem Schriftstellerkollegen bedeutet „Lesen“ hier nicht nur, dass sich der Reiz in erster Linie über die künstlerische Authentizität ergibt, sondern dass Michael Köhlmeier tatsächlich auch ein begnadeter Sprecher und Erzähler ist, dem man schon bald an den Lippen hängt.

So verwebt er in seinem „Panorama des 20. Jahrhunderts“ nicht nur ein paar Familiengeschichten zu einem großen Generationenroman, sondern macht sich dabei auch vielerlei Gedanken zu Themen, die dabei eine Rolle spielen. Wir hören also ebenso Aufschlussreiches zum Thema Prostata wie Alkoholismus und sind Zeuge, wie ein eingefleischter Klassikhörer wegen Billie Holiday ins Jazzlager konvertiert.

Spannend ist auch, was er in einem anderen Ausschnitt über den Unterschied zwischen Genius und Mittelmaß zu sagen hat – doch vollends zeigt sich der erfahrene Profi, als die Neugierde auf dieses erfolgreiche Buch just in dem Augenblick ausgebremst wird, als man bereit ist, gerne noch länger zu lauschen: um Punkt 21 Uhr ist Schluss und ein schlichtes „Danke“ beendet den literarischen Ausflug.

Schriftsteller lebt von Büchern

Wolfgang Sutter moderiert jetzt für den Zeughausverein. Er verweist auf den Bücherstand und darauf, dass ein Schriftsteller ja vor allem von den Büchern lebt, zu deren Kauf ein solcher Abend ja schließlich ermuntern soll. Dann aber macht das Publikum regen Gebrauch von der Möglichkeit, den Dichter nach seiner Werkstatt zu befragen. Man erfährt, wie standhaft sich Köhlmeier während der sechsjährigen Entstehungszeit seines „ambitioniertesten Buches“ täglich vier Stunden am Vormittag in die „Pflicht“ genommen hat und es für ihn allenfalls erst nachmittags die „Kür“ gab – und man versteht, wenn er sich als „tapferen Soldat der Literatur“ bezeichnet. Gerne glaubt man ihm, dass man nach einer solchen Arbeit ein anderer sei. Er beklagt den „Liebesverlust“ nach einem solchen Roman, weil ihn dann ja auch seine Figuren verlassen.

Es bleibt noch etwas Zeit, um die ausgelegten Bücher zu signieren, doch schließlich findet dieser anregende Abend doch sein Ende: Köhlmeier muss auf den Zug in Richtung Vorarlberg, seine Heimat, und es wird ihn gefreut haben, dass der Büchertisch mit seinem Roman „Abendland“ am Ende fast leer gekauft war.