Mein Kampf (George Tabori)

Hitlers Frauenbild und sein nacktes Gretchen

Dass auch Liebe und Schöngeistiges kein probates Mittel ergeben, um verbrecherische Ansätze im Keim zu ersticken, zeigte die Farce „Mein Kampf“. Trotz Schnees strömte das Publikum, das sich abwechselnd auf den nackten Wahnsinn des Führers und den nackten Körper von Taboris Gretchen konzentrieren durfte.

Was hat sich der schmächtige Schlomo Herzl bemüht, seinen „mütterlichen Masochismus“ dem Jähzorn des Neuankömmlings entgegenzusetzen!

Horst Sachtleben spielte den jüdischen Buchhändler, der seine Erfolge als nächtlicher Hausierer Bibeln und pornographischen Büchern verdankt, mit bewundernswertem Gespür für die bedrängten Seelen, aber auch für den besonderen Humor dieses Volkes. Zusammen mit Friedhardt Kazubko, der in der Rolle des arbeitslosen Koches Lobkowitz aufging, ergötzten die beiden zunächst in ihrer täglichen Beschäftigung: den aussichtslosen Disput zwischen einem ziemlich unerreichbaren Gott und seinem respektlosen Diener. Spürt er bereits die sich abzeichnende Anklage: „Wo bist du gewesen, Gott?“ Dass dieser dann dem täglichen Rollenspiel weichen muss, war der wachsenden Dominanz des Neuankömmlings Hitler zu verdanken.

Hans Piesbergen wurde mit der Rolle des verkrachten Möchtegern-Malers erstaunlich gut fertig – trotz der anfänglichen Befürchtung, er könne den Übergang vom aufbrausenden Alpendepp zum zerstörerischen Monster noch verpassen. Dabei gibt sich Herzl fortan alle Mühe, diese Entwicklung im gemeinsamen Wiener Männerasyl zu verhindern.

Horst Sachtleben verlebendigt diese Figur mit hundert Facetten, die aber bei all ihrem Glauben an das Gute normale Bedürfnisse nicht hintan stellt. Um die kümmert sich Herzls Geliebte in Gestalt des Gretchens, das Hitlers verklemmtes Frauenbild in neugierige Aufregung versetzt.

Nicht nur für diesen dürfte es eine ungewöhnliche Erfahrung gewesen sein, angenehm lange Minuten Nachbar dieses jungen Mädchens zu sein. Denn Ute Kaiser präsentierte sich nicht nur als teilnahmsvolle, sondern auch splitternackte Gesellschafterin. Ihrem langen blonden Haar wollte es dabei nur unvollkommen gelingen, die aufreizend ausgeprägten Merkmale ihrer Weiblichkeit unsichtbar zu machen. Mancher Theaterbesucher wird ob dieser gewagten Freizügigkeit geschluckt haben – die Lust auf künftige Besuche indes wird sie wohl kaum verringert haben. Das Verdienst der Erstmaligkeit auf Lindaus Theaterbühne teilte sich Ute Kaiser im übrigen mit der Anwesenheit von Mizzi, einem leibhaftigen Huhn, das seinen Part artig mitspielte. Es wurde zum Auslöser für eine abschreckend fesselnde Beschreibung dessen, was mit gewöhnlichem Töten beginnt und mit sadistischem Morden endet; diesen beängstigenden Teil besorgte René Peier.

Bald wird Hitler das Gretchen mit brauner Farbe übergießen, und wir erfahren nebenbei, wie die traurige Berühmtheit von Hitlers Bart und Haar ihren Anfang nahm – und dass „Mein Kampf“ eigentlich als Titel für Herzls Biographie gedacht war. Den Verbleib dieses Buches, von dem Hitler wohl nachteilige Schilderungen für die eigene Vita fürchtet, wird schließlich vom nunmehr ebenso angezogenen wie umerzogenen Gretchen verraten. Und so wird der einzige Satz dieses Buches: „und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ zum Signal für Frau Tod (Barbara Michel), zusammen mit der teuflischen Begabung Hitlers die Zahl derer möglichst gering zu halten, denen das noch gelten könnte.

Dem Ensemble der Theatergastspiele Kempf gelang es eindrucksvoll, durch ihren mutigen und schonungslosen Zugang den verzweifelt-spöttischen Geist von Taboris Meisterwerk einzufangen.