Mein Freund Harvey (Mary Chase)

Wie immer: reizend und hintergründig

Nun also hat Harvey, der weiße Zweimeter-Hase, auch die Lindauer Bühne beehrt und wieder blieb offen, wer ihn tatsächlich gesehen hat. So kann hier nur auf die anderen Darsteller des „Theaters am Kurfürstendamm“ eingegangen werden.

So einer wie der, den Elwood P. Dowd liebevoll „Mein Freund Harvey“ nennt, tut auch viel beschäftigten Professoren gut: als dieser am Ende seines psychiatrischen Wissens ist, schafft es der unsichtbare Hase sogar bei ihm, sein verkorkstes und unglückliches Privatleben milde zu verklären und gewisse Heilmethoden in ein skeptisches Licht zu tauchen. Wenn also ein vermeintlicher Patient andere Menschen mit der Einstellung verunsichert, „ich bin immer dort glücklich, wo ich gerade bin“, wird eine Therapie in der Tat fragwürdig, die so jemandem das unbegreifliche Geheimnis für seine Haltung – nämlich ständig von einem großen, freundlichen Hasen begleitet zu werden – ausreden will.

Die erfolgreiche Komödie von Mary Chase konnte in der Lindauer Aufführung mit drei besonders stark besetzten Hauptrollen aufwarten: zunächst natürlich mit Winfried Glatzeder, der den scheinbar verrückten, immer freundlichen und zuvorkommenden Elwood kongenial verkörpert. Gaby Gasser als seine bissige, temperamentvolle Schwester kostet den Kontrast zu ihm mit schauspielerischer Hingabe aus und erntet dabei manchen Szenenapplaus.

Und die resolute, nur scheinbar grimmige Großtante und „Chefwitwe“, Mrs. Chauvenet, findet in Ebba M. Reiters Darstellung eine überaus charaktervolle und prägnante Umsetzung. Vor diesem hinreißenden Trio haben es die vier anderen Schauspieler – Tochter und Sanatoriumsschwester sowie Pfleger und Oberarzt, aber auch der Professor – ziemlich schwer, und das liegt meist an der offenbar geringeren Zuwendung, die diesen Personen seitens der Regie zuteil wurde.

Das bisweilen ratlose Stellungsspiel, die schwammige und indifferente, oft wechselnde Auslegung dieser Rollen – mal naiv, mal brutal, mal nachdenklich – verhinderten bisweilen die Stringenz, die zu einer überzeugenden Umsetzung dieser Komödie gehört. Ob man Kelly, der Schwester, (Isabel Arlt) nun ihren Oberarzt wünschen soll oder nicht, blieb immer unklar, und ob Wilson (Claus Stahnke) nun ein brutaler Macho oder ein durchaus tiefsinniger Pfleger ist, der auch mal kräftiger hinlangen muss, blieb ebenso offen.

Auch Professor Chumley (Joost Siedhoff) irrt gelegentlich ein wenig unbeholfen über die Bühne und vermag nur wenig vom Gewicht seiner Autorität und seiner bemitleidenswerten Privatsituation zu vermitteln. Der Verdacht gegenüber Tourneebühnen, auch mal mit einer Inszenierung durch die Städte zu ziehen, die noch nicht so ausgereift ist und sich nur auf die Paraderollen konzentriert, ist in diesem Falle nicht ganz zu unterdrücken. Dafür allerdings ist „Mein Freund Harvey“ aber dann doch eine zu reizende und hintergründige Komödie.