LINDAU – Eine „Midsommer-Mordnacht-Novelle“ gab’s in den hehren Räumen des Alten Rathauses zu hören, zu denen die VHS, Signatur und der Verband Deutscher Schriftsteller eingeladen hatten. Allerdings kann man im Falle von Jockel Tschiersch meist damit rechnen, dass etwaige literarische Aspekte von den erotischen und pornographischen Aspekten weit zurückgedrängt werden.
„Blind Date Wilmersdorf“ heißt das Ganze, und wie Jockel Tschiersch gleich eingangs deutlich macht, geht es dabei „nur um das Eine.“ Dieses „Eine“ wird also mehrmals hervor beschworen von einer Kathi, die ihre sexuellen Bedürfnisse bis auf weiteres an Männern stillen wird, die sie über Kontaktanzeigen kennenlernt. Und die lauten dann etwa „Geiler tabuloser Hengst sucht…“ oder sie verweisen in einem anderen Fall auf den fränkischen Pfarrer, der seine besonderen Vorstellungen von „weiblicher Fleischeslust in Mecklenburg“ hat. Lustvoll und detailliert beschreibt Jockel Tschiersch die jeweiligen Praktiken, die dabei ihre Anwendung finden. Und bald stellt sich heraus, dass jedes der Opfer noch ein paar unangenehme Eigenschaften hat, die ausreichen, ihn nach getaner Arbeit ins Jenseits zu befördern.
Die Methoden dabei sind mal witzig, mal brutal oder blasphemisch – aber Hauptsache, der eingeschlagene Weg wird eingehalten. Erhöht wird die leicht fragwürdige Spannung dieses Mords-Reigens dadurch, dass sich für das augenblickliche Opfer offenbar keine rechte Gelegenheit zum Dahinscheiden findet und zumindest diese abendliche Lesung offen lässt, welches Schicksal ihm am Ende tatsächlich blüht.
Wer den Lindauer und Wahl-Berliner Jockel Tschiersch als Kabarettist erlebt hat, weiß um die erzählerische Kraft und die schauspielerische Hingabe, mit der er auf der Bühne zu brillieren weiß. Spielwitz, Situationskomik und herrliche Wortschöpfungen garantieren dabei ein Vergnügen der Extraklasse – und an all dem hatten auch die meisten der mehr als fünfzig Zuhörer im historischen Rathaussaal ihren Spaß.
Hin und her gerissen
Vor diesem Hintergrund war man ein wenig hin und her gerissen zwischen der pornografischen Trivialität einzelner Szenen einerseits und dem sprühenden Vortrag Jockel Tschierschs andererseits. Mag sein, dass dieser Lustparcours in genitalen Bereichen die Suche nach einem Verleger für diese „Novelle“ schwierig macht – ein Hörbuch (wie von einer Zuschauerin angeregt) dieses „feuchten“ Stoffes könnte aber zumindest jenen Teil seines Talentes und seines Könnens erkennbarer machen, den Jockel Tschiersch am überzeugendsten beherrscht: den des Erzählers und des Schauspielers.