„Lindauer Vokalensemble“ lässt beim Einstand aufhorchen

LINDAU – Toller Einstand für das „Lindauer Vokalensemble“: Im brechend vollen Gewölbesaal hat die 14-köpfige Truppe am Sonntag den guten Ruf untermauert, den sie seinerzeit mit dem „Tanner-Chor“ begründet hatte.

An sängerischem Potenzial herrscht in Lindau wahrlich kein Mangel. Entsprechend reichhaltig ist das Angebot, das hier Liebhabern von Chormusik geboten wird. Als Sammelbecken für begabte Sängerinnen und Sänger dienen meist solche Chöre, die sich den großen Werken der Kirchenmusik verschrieben haben, und die dann regelmäßig mit oft bewundernswerten Aufführungen an die Öffentlichkeit treten.

Ein wenig drohten dabei die zahllosen Kostbarkeiten weltlicher Chormusik in den Hintergrund zu treten, für die beinahe alle großen Komponisten bedeutende Werke geschrieben haben. In den vergangenen Jahren haben sich aber ein paar heimische Chorleiter vermehrt dieser Musik angenommen – etwa in Aufführungen von „A tempo“ oder des „Tanner-Chores“ – und damit ganze Konzerte bestritten. Für besonders erfahrene und stimmsichere Sänger scheint nun das von Jörg Heide geleitete „Lindauer Vokalensemble“ zur ersten Adresse avanciert zu sein, weil dort das Erarbeiten von anspruchsvoller A-cappella-Literatur unter den Aspekten Stimmtechnik, Klang und Interpretation als Schwerpunkt gilt.

Dies wurde jetzt bei dem „Romantikabend“ augenscheinlich, den Jörg Heide unter den Mörike-Titel „Gelassen stieg die Nacht ins Land“ stellte, weil die meisten Titel um sinnverwandte Themen kreisten. Neben Chorstücken, die etwa von Hugo Wolf, Felix Mendelssohn-Bartholdy und Johannes Brahms stammen, imponierte der ungemein präzise, klangschön und diszipliniert singende Chor auch bei Komponisten des letzten Jahrhunderts. So fand „Der schwarze Mond“ von Harald Genzmer eine wunderbar leichte rhythmische Umsetzung, während die volksliedhaften, manchmal fast lautmalerischen Stücke („Am Meer“) des Schweden Wilhelm Peterson-Berger sich durch eine großartige atmosphärische Dichte auszeichneten. Die zahlenmäßige Ausgewogenheit zwischen den Frauen- und Männerstimmen schlug sich hier auch positiv im klanglichen Ergebnis nieder.

Einen reizvollen Programmpunkt und einen interessanten Vergleich bot Mörikes Gedicht „Um Mitternacht“, das hintereinander in den Vertonungen von Rheinberger, Distier und Genzmer gesungen wurde und nochmals zum Nachweis für die hohe Gesangskultur des „Lindauer Vokalensembles“ wurde.

Das vokale Geschehen wurde von Stefan Heitz (Klarinette und Bassklarinette) und Andreas Kiraly durch sechs passende Sätze ergänzt, unter denen besonders Robert Schumanns Fantasiestücke und eine Ballade für Bassklarinette und Klavier von Eugene Bozza einen starken Eindruck hinterließen: Die beiden Musiker machten deutlich, dass man auch auf kammermusikalischem Gebiet höchste Ansprüche stellte und ihnen durchaus gerecht wurde.

Gesang ist betörend schön

Besondere Erwähnung muss aber das Duett „Abendlied“ für zwei Singstimmen und Klavier von Mendelssohn finden: Was die beiden Schülerinnen Laura Mildner und Verena Fischer hier an Klangschönheit, Intonationsreinheit und musikalischem Geschmack boten, war von betörender Anmut. Sollten Stimmen dieser Qualität zum Maßstab des „Lindauer Vokalensembles“ werden, dann dürfte in der Tat noch einiges von ihm zu erwarten sein.