Die Zimmerschlacht (Martin Walser)

Kurzweiliger Theaterabend: Ein Ehepaar operiert einander

Groß war der Andrang derer, die Zeuge dieses „Übungsstückes für ein Ehepaar“ – Die Zimmerschlacht – werden wollten. Bei der Premiere in Lindau brachten Nikolaus Paryla und Undine Brixner Martin Walsers rhetorische Geschütze in Stellung, die sie ab jetzt auch in anderen Tourneestädten auffahren werden.

So oft hätte Trude ihr Kleid gar nicht wechseln müssen, um sich auf den Vergleich mit jener „attraktiven 24-Jährigen“, der „Neuerwerbung“ des gemeinsamen Freundes Benno, einzulassen: Dafür ist Undine Brixner in der Rolle dieser Lehrersgattin eigentlich zu hübsch, zu jung und außerdem weit davon entfernt, etwa spröde zu sein. Recht unmissverständlich bekennt sie, eigentlich polygam zu sein, sinnlich und ausgestattet mit erotischen Fantasien, die Felix, den überpünktlichen „Quarzwecker“, weit überfordern. Als Zuschauer gerät man in Versuchung, sich den Zusammenprall dieser unfreiwilligen Rivalinnen tatsächlich zu wünschen, doch Martin Walser lässt diese „Zimmerschlacht“ zwischen Ehepartnern natürlich dort stattfinden, wo sie hingehört: zu Hause.

Klaus Ulrich Jacob hat das dafür erforderliche Zimmer schön und mit angemessener Biederkeit aufgeteilt und in wirkungsvolles Licht getaucht. Hier also bricht der Kampf zwischen Felix, dem Erdkundelehrer, und seiner Gattin Trude aus. Er will die Einladung zu seinem Freund boykottieren. Vorgegebener Grund: Trude vor dem Vergleich mit der Jüngeren zu schützen. Die ist zwar dumm, aber „alles an ihr“ – auch die „Brust, zu der man hinaufbellen möchte“ – ist 24-jährig.

Nikolaus Paryla, der zugleich Regie führt, zeichnet die Rolle des Felix vielschichtig, jedoch mit konsequentem Habitus nach. Er gibt sich verzweifelt komisch, bemitleidenswert tragisch und lässt fürchten, dass ihm seine wache Intellektualität mehr schadet als nutzt. Jederzeit hält er den Eindruck eines sich natürlich entwickelnden Dialoges hoch, redet dazwischen, nuschelt vor sich hin und drängt Walsers rhetorische Feinheiten an den Rand der Alltagssprache (die ihm bei der Premiere noch manches Mal zugeflüstert werden musste). Herzhaft bestätigt er Trudes Anfangsverdacht, er befände sich „in einem Alter, wo sich komische Züge einschleichen“, und tut ansonsten alles, um die Diskrepanz zwischen männlichen Ängsten und weiblicher Sehnsucht verständlich zu machen.

Undine Brixner indes, die als Trude in ihrer Anfangsszene um schauspielerische Harmlosigkeit bemüht schien, trumpft allmählich auf. Sie gewinnt immer häufiger die Oberhand und stellt das Missverhältnis zwischen dem wehleidigen Gehabe ihres Gatten und seiner zweifelhaften Männlichkeit permanent bloß. Der Mann sei „nichts als ein Pfusch“, konstatiert sie gnadenlos und hegt Zweifel, ob ihr Mann jemals Haare gehabt habe.

Es häufen sich die seelischen Tiefschläge, die aber nicht nur Raum schaffen für schiere Verzweiflung und Tränen, sondern auch für heilsame Blicke hinter die brüchige Ehefassade. Der Versuch, sich gemeinsam und sinnlos zu betrinken, um in diesem Zustand wirklich alles herauszulassen, gelingt nur zum Teil (und wird auch spielerisch nicht konsequent durchgehalten); er hält aber komödiantische Elemente bereit, die von den beiden Spielern bereitwillig umgesetzt werden und die mit dazu beitragen, dass der Abend zu einem kurzweiligen Theatererlebnis wird. So kurzweilig eben, wie es werden kann, wenn man sich an die von Felix beispielhaft geschilderten Szene erinnert: „Zwei Chirurgen operieren einander andauernd. Ohne Narkose. Aber andauernd. Und lernen immer besser, was weh tut.“