Kunstmarathon findet Anerkennung

LINDAU – Anderthalb Stunden Lesung – doch einem Rezitator vom Range Gert Westphals schreibt man nicht vor, wie lange man seiner Kunst zu lauschen gedenkt. Und Tschaikowskys Trio dauert fünfzig Minuten. Doch rechtfertigt ein stimmiges Konzept gelegentlich einen solchen Kunstmarathon, der letztlich auch in einem vollbesetzten Theater seine Anerkennung fand.

Da werden Wagner-Gegner sich die Hände gerieben haben: Erhabener wurden seine Opern selten zerrissen wie in Tschaikowsky Briefen und sprachlich subtiler kaum bedacht als durch Gert Westphal. Aus 1204 Briefen, die zwischen Tschaikowsky und Nadesha von Meck hin und her gingen, haben sich der begnadete Sprecher und seine ebenfalls beeindruckende Frau Gisela Zoch-Westphal ein Themenspektrum zusammengestellt, das einen tiefen Einblick in die Welt des russischen Komponisten gewährt. Vor einem stimmungsvollen Bühnenlicht erstand hier eines der großen Künstlerschicksale, dem das Sprecherpaar unaufgesetzt, jedoch mit einem hohen Maß an Einfühlungsvermögen zu großer Anschaulichkeit und Authentizität verhalf. Satz für Satz wird eine Brieffreundschaft, die eine persönliche Begegnung von Anfang an ausgeschlossen hatte, zum Seelenelixier für beide, und schließlich ist der Schritt von gegenseitiger Idealisierung hin zur Versicherung immerwährender Freundschaft und Liebe nicht mehr weit. Ein prächtiges Studienobjekt für jeden Psychologen (und wohl manchen Therapeuten im Publikum), fürwahr, und Tschaikowskys Homosexualität lenkt das Ganze auch zum tragischen, nie ganz geklärten Ausgang. Gert Westpfahl unterlag mit seiner Partnerin nie der Versuchung, eine Sensationsstory aus dieser Geschichte zu machen – im Gegenteil: gerade der leise, humorvolle und unaufdringliche Ton vermittelte jene umfassende Sicht, die Tschaikowskys Ansichten etwa zu Politik jener Zeit, zur Natur oder auch seiner wachsenden gesellschaftlichen Stellung offenlegt.

Nicht um Parteinahme, sondern um Einblick in den Alltag und die Sorgen eines der Großen der Musikgeschichte ging es bei dieser Lesung. Und dass Tschaikowsky zu diesen Großen gehört, hat das nachfolgende Klaviertrio a-moll op. 50 eindrucksvoll bestätigt. Die jungen „Petersburg Solisten“ haben dem umfangreichen, wenn auch nur zweisätzigen Werk jene Ausdruckstiefe angedeihen lassen, die den Abend über weite Strecken geprägt hat. Die weitgespannte Cello- Kantilene im ersten Satz, das sorgfältige Durchmessen der klanglichen und instrumentalen Anlagen in den zwölf Variationen bis zum düsteren Trauermarsch am Ende des Trios inspirierte die russischen Künstler zu einer leidenschaftlichen Interpretation. Stets blieb der Eindruck präsent, einer besonders authentischen Aufführung dieses selten gespielten Werkes beizuwohnen. Der Beifall schließlich galt einem tief beeindruckenden Konzert- und Wortabend, der etwas vom Geheimnis preisgegeben hat, welches das Schaffen großer Komponisten umgibt.