LINDAU – Angesichts der Perfektion, mit der die Lindauer Marionettenoper „Cosi fan tutte“ einstudiert hat, traut man der Mannschaft um Bernhard Leismüller und Ralf Hechelmann mittlerweile auch die zwei „restlichen“ der großen Mozart-Opern zu. Die Vorpremiere jedenfalls hat den herausragenden Ruf dieses kulturellen Vorzeigeobjekts eindrucksvoll bestätigt.
Eine Seefahrt, die ist lustig. Das jedenfalls dachten sich die beiden Herren Guglielmo und Ferrando, als sie ihren jeweiligen Freundinnen vortäuschten, sie würden mit dem Boot zu einem plötzlichen militärischen Einsatz abgeholt werden: tatsächlich wollten sie ihrem skeptischen Freund Don Alfonso aber beweisen, dass in ihrer Abwesenheit zwar vieles passieren könne, aber gewiss nicht, dass ihnen ihre „engelsgleichen“ Geliebten untreu würden. Die Probe aufs Exempel würden sie – freilich verkleidet – gleich selbst mit ihnen machen. Nun, die Wette galt, doch der Test ging daneben, und es war nicht zuletzt Mozart s Oper, die ein wenig dazu beigetragen hat, die Unterschiede zwischen romantischer Schwärmerei, verklärtem Kitsch und wahrer Liebe deutlich zu machen.
Für dieses Thema hat Mozart eine verschwenderische Fülle herrlichster Melodien erfunden, und man hat den Eindruck, das hat auch die Lindauer Marionettenoper in besonderem Maße inspiriert. Der beabsichtigte Mangel an effektvoller Bühnenhandlung wird durch atmosphärische Dichte und eine geradezu hinreißende Personenführung – man scheut sich geradezu, es „Puppenführung“ zu nennen – mehr als kompensiert. Ebenso gehört wohl auch eine dermaßen sensibel geführte Lichtregie in der „Marionettenbranche“ zu den besonderen Glücksmomenten. Wie erfahren das Ensemble mittlerweile geworden ist, verrät auch ein Blick auf die großzügig eingesetzten Kulissen und das Möbelinventar, das stilvoll, geschmackvoll und perfekt aufeinander abgestimmt ist – ganz zu schweigen von den Kostümen, die liebevoller denn je das Bild dieser Inszenierung bestimmen. All dies lässt erkennen, wie sicher der Blick für den gesamten Verlauf eines solchen Werkes mittlerweile geworden ist. Darüber hinaus erinnern die Künstler immer wieder daran, das „Cosi fan tutte“ eine komische Oper ist. Deren Humor blitzt wahrlich nicht nur dann auf, wenn etwa den Angelhaken der gefrusteten Mädchen keineswegs die erwarteten Fische schmücken oder wenn die Mottenkiste zeigt, woher sie eigentlich ihren Namen hat.
Man möchte eintauchen in das Wunder dieses Meeres, das sich so unvermutet im zweiten Bild auftut, eintauchen auch in die wundervolle Abendstimmung bei Mond- und Kerzenlicht, die bald so jäh von der ernüchternden Wendung dieser Geschichte unterbrochen wird und sich in das grelle, aber auch strahlende Licht der wieder gefundenen Realität verwandelt.
Die hinreißende Detailverliebtheit dieser Operninszenierung, vor allem aber die akribisch genaue Entsprechung der Puppenbewegungen mit dem Verlauf der Mozart’schen Partitur lassen erahnen, wie intensiv die Vorbereitungen für ein solches Unternehmen gewesen sein müssen – denn es waren gewiss Theater- und Musikerfahrung gleichermaßen gefragt, um ein solches Ergebnis entstehen zu lassen. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund kann eine Leistung wie diese „Cosi fan tutte“ gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Heute Abend findet die offizielle Premiere statt.