Kein bisschen Frieden
Vor 47 Jahren fand die Uraufführung von John Osbornes „Blick zurück im Zorn“ statt. Gut inszeniert und gespielt macht das Stück auch heute noch einen starken Eindruck auf das Publikum. Im Stadttheater waren es über vierhundert Zuschauer, die sich davon überzeugen konnten.
Hin und wieder macht der Zeitgeist künstlerische Produkte zu wahren Klassikern, ohne sich groß um ihre tatsächliche Qualität zu kümmern. So wie es in der Popmusik beispielsweise „Satisfaction“ von den Rolling Stones ergangen ist, so widerfuhr es in der Theaterszene John Osbornes Stück „Blick zurück im Zorn.“ Die Treffsicherheit, mit welcher der Autor das damalige Lebensgefühl traf, aber auch die Unbekümmertheit, mit der er sich hierfür der Alltagssprache bediente, machten einen Teil dieses Erfolges aus. Und natürlich trug auch eine herausragende Bühnen-Figur, wie es die des Jimmy Porter ist, zur Popularität dieses beklemmenden Schauspieles bei.
Mit dieser Rolle trat in Lindau Robert Glatzeder an. Bravourös, ohne jedoch den spielerischen Verlockungen plump aufzusitzen, hat er alles getan, um den Rat des Freundes Cliff an Alison Porter begreifbar zu machen: „Warum schlägst du ihm nicht endlich den Schädel ein?“
Und doch gab sich da nicht nur ein Ekel und Macho alle Mühe, möglichst widerlich und chronisch unzufrieden zu wirken, sondern Robert Glatzeder machte auch die Verzweiflung und die geistige Unruhe Jimmy Porters sichtbar, die dieser tragischen Theaterfigur innewohnt. Ihm zur Seite spielte Nadine Seiffert, die resignierte, nur gelegentlich aufbegehrende Gattin Alison – sensibel auch sie: Beide zerfleischen sich gegenseitig, doch sie weiß um seine Verwundbarkeit. „Die Schwächen“, so lautet ein Satz in diesem Stück, „werden einem unentbehrlich“ – und beide Akteure hielten diesen Zustand, den auch der vorübergehende Auszug Alisons nicht beenden konnte, stets präsent.
Inszenatorische Feinarbeit erfuhr auch Jens Atzorn, der den häuslichen Mitbewohner Cliff Lewis im starken Zusammenspiel zwischen Jimmy und Alison aufblühen ließ; kein lästiges, gar trotteliges Anhängsel neutralisierte hier die aufgeladene Wohngemeinschaft, sondern ein liebesbedürftiger Freund, der durchaus ahnt, wie oft er schon eine drohende Explosion verhindert hat. Helena Charles – überzeugend umgesetzt von Alexandra von Koczian – leitete die äußerliche Wende dieses Stückes mit intellektueller Überlegenheit und grenzenloser Verachtung gegenüber Jimmy ein. Doch auch sie wird vorübergehend am Bügelbrett landen, ehe die zurückkehrende Alison ein wenig Hoffnung auf eine bessere Beziehung aufkeimen lässt; der Schmerz, den sie in der Schlussszene wegen des verlorenen Babys empfindet, gehörte dabei in seiner spielerischen Intensität zu den ergreifendsten Momenten dieser Aufführung.
Das graue Bühnenbild (Marouan Dib) mit seiner schrägen Ebene und den hohen Wänden hat die Beklemmung und die Ausweglosigkeit von „Blick zurück im Zorn“ großartig widergespiegelt; die wunderschönen Szenenübergänge im Halbdunkel taten ein Übriges, um diesen Gesamteindruck noch zu ergänzen. Alles in allem: Ein dialogintensiver Theaterabend, der die Spannung bis zum Ende halten konnte – und gerade auch deshalb im besten Sinn des Wortes „unterhaltsam“ war.