LINDAU – Jetzt also gehört auch Bachs umfangreichste Komposition, die Matthäus-Passion, zu den Werken, die unter Lutz Nollerts Ägide zur Aufführung gekommen sind. Wieder einmal hat dabei der Kammerchor in der Kirche St. Stephan gezeigt, zu welch imponierender Leistung er sich gerade bei großen Herausforderungen aufzuschwingen weiß.
Jeder in der voll besetzten Stephanskirche wird die Erhabenheit dieser Anfangsphase gespürt haben: die gespannte Erwartung, als schließlich Ruhe eingekehrt ist, dann die Aufstellung der beiden Chöre mit fast 80 Mitwirkenden und schließlich die spannungsvolle Orchestereinleitung, die das Tor zu Bachs monumentaler Musik öffnet. Zu ahnen war auch bereits, wie überraschend und phantasievoll die Aufgaben werden dürften, mit denen die beiden Chöre – hier als „Betrachter“, genannt „Töchter Zion“, dort als aktiver Teil der auftretenden Menge, der „Gläubigen“ – das musikalische Drama beleben würden. Sogar der Unterstufenchor des Valentin-Heider-Gymnasiums hatte hier seinen kurzen, aber sinnvollen – und gelungenen – Auftritt, um sich als „Soprano in ripieno“ zusätzlich von der packenden Vielstimmigkeit abzusetzen.
Denn anders als in den meisten Passionen und Kantaten sorgen die zahlreichen Choräle und Chorpassagen in der Matthäus-Passion nicht nur für Besinnung und Innehalten, sondern bestimmen das dramatische Geschehen mit vielfältigen Einwürfen und spannungsgeladenen Momenten ganz wesentlich mit.
Gerade die zentrale, fünffach wiederholte Melodie von „O Haupt voll Blut und Wunden“ mit ihrer jeweils unterschiedlichen Anlage in Tonart und Harmonik macht in der Darstellung des Kammerchors ihre Rolle als übergreifendes Gerüst in unterschiedlicher Funktion anschaulich und erlebbar. Selten hat man auch den jähen „Barrabam“-Aufschrei so atemberaubend gehört, kaum den Schlusschor so innig und versöhnlich: „Wir setzen uns mit Tränen nieder.“ Die wundervolle Umsetzung dieses Textes hatte am Ende, als er verklungen und auch der letzte Schlag der Glocke verhallt war, allerdings geradezu das verdiente Gegenteil bewirkt: In kürzester Zeit hatten sich nämlich alle Zuhörer von ihren Bänken erhoben, um neben dem überwältigenden Beifall auch auf diese Weise ihre Hochachtung und ihre Anerkennung zu bekunden – es war wohl das Gefühl, nicht nur einem epochalen Werk der Musik, sondern auch einer grandiosen Leistung des Kammerchores und seines Dirigenten Lutz Nollert beigewohnt zu haben.
Dazu hat sicherlich beigetragen, dass Katja Lesemann und Leon Melikian – die Konzertmeister der beiden Orchester, die Bach für diese Passion vorgeschrieben hat – ihre „Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben“ so vorzüglich vorbereitet hatten. Nur so war es möglich, dass die ungewöhnlich hohen Anforderungen, die Bachs Partitur gerade auch an die abwechslungsreichen Rezitative gestellt hat, so zuverlässig erfüllen konnten. Besonders hervorgehoben seien dabei die Holzbläser, denen manch zauberhafter Moment zu verdanken war.
Bewunderung verdient
Birgit Plankel (Sopran) und Anke Wittel (Alt) beeindruckten wie immer durch den Wohlklang ihrer Stimmen, auch wenn sie es gelegentlich etwas schwer gegen das füllige Orchester hatten! Doch bildeten sie mit Alexis Wagner (Bass-Arien) und Thomas Dobmeier (Jesus), der seinen schönen Bass besonders ergreifend einsetzte, wieder einmal ein homogenes und inbrünstig agierendes Solistenensemble. Freilich ragte Christian Fliegner (Tenor), der dieses Ensemble in seiner Rolle als Evangelist ergänzte, noch einmal besonders hervor: Er hatte den mit Abstand größten Part zu bewältigen, und mit welcher Hingabe, Gestaltungskraft und welchem Durchhaltevermögen er das tat, verdient allerhöchste Bewunderung.
Rund dreieinhalb Stunden haben der Kammerchor und die vielen Mitwirkenden das Publikum mit dieser aufwühlenden Aufführung der Matthäus-Passion in Bann gezogen – und zugleich daran erinnert, was Lindau seit Jahrzehnten an seinem Kammerchor hat, der solche Herausforderungen mit Bravour meistert.
Ein epochales Werk, eine grandiose Leistung: Der Lindauer Kammerchor und viele Mitwirkende ziehen das Publikum mit ihrer aufwühlenden Aufführung von Bachs Matthäus-Passion in ihren Bann.