LINDAU – Das Konzert des Kammerchores hat diesmal besonders hohe Anforderungen an die Solisten und Instrumentalisten gestellt – und auf Grund der Dauer und einer nicht ganz schlüssigen Programmzusammenstellung auch an die Geduld der Zuhörer. Ausdauer musste aber auch der Kammerchor selbst beweisen, der lange Wartezeiten zwischen den zwanzig Arien und Rezitativen der beiden Werke durch-„stehen“ musste.
Auch das Programmheft hat nicht ganz erklären können, weshalb Bachs A-Dur Messe nun dem Oratorium „Die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu“ vorangestellt wurde, die Sohn Carl Philipp Emanuel 1774 komponiert und später mehrfach umgearbeitet hat.
Für den angekündigten „spannenden Vergleich“ waren religiöse Thematik und musikalische Form nicht nahe genug beieinander, um irgendwelche Funken daraus zu schlagen, und die A- Dur Messe selbst – überwiegend eine sogenannte“Parodie“ (neuer Text auf alte Noten) – gehört gewiss nicht zu den geistlichen Referenzstücken von Bach.
Der Kammerchor unter der Leitung von Lutz Nollert hat den Kyrie-Beginn beinahe verhalten, aber mit intensivem Ausdruck geformt und auch den Schlusschor souverän gemeistert. Das Orchester – namentlich in den oft solistisch agierenden Bläserstimmen – ist ihm dabei zuverlässig gefolgt. Die Entscheidung, die Männerstimmen zwischen Sopran und Alt zu platzieren, hat die Stimmen zwar noch feiner verwebt, sie hatte aber auch – zumindest im mittleren Kirchenbereich – gewisse Einbußen in Artikulation und Textverständlichkeit zur Folge.
Thomas Ogilvie, der vor allem im nachfolgenden Oratorium stark gefordert wurde, erwies sich schon jetzt als klangschöner, überaus charaktervoller Bass, der dort gerade im Zusammenspiel mit den Hörnern oder dem leider etwas wackeligen Fagott („Willkommen, Heiland“) großes Einfühlungsvermögen bewies. Birgit Plankel, zwischenzeitlich fast der „Haus-Sopran“ des Kammerchores, begeisterte einmal mehr durch ihren warmen und natürlichen Vortrag und die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich zwischenzeitlich in allen Höhenlagen bewegt.
Altistin Marie-Luise Erlacher hatte zwar nur in der Bach-Messe ihren Einsatz, doch trug natürlich auch sie zu dem großartigen Gesamteindruck des Vokalquartettes bei. Carl Philipp Emanuel Bachs „Auferstehung und Himmelfahrt Jesu“ bezieht seine Wirkung nicht aus theatralischen Effekten, sondern aus den musikalischen und instrumentalen Mitteln, die er einsetzt, um Gefühle und Empfindungen zu veranschaulichen, die der Text vorgibt. Gewiss ist uns dieser Text – er stammt von Karl Wilhelm Ramler, der bis 1798 lebte – heute fremd, zumal er fast keinerlei Bezug auf entsprechende Bibeltexte nimmt.
Bach hat dazu berückend schöne und originelle Arien geschrieben, doch heutige Hörer sind es nicht immer gewöhnt, sich ihren teilweise ausufernden Längen auszusetzen. Das, worauf insbesondere die Freunde des Kammerchores besonders erpicht sind, findet in größerer Ausführlichkeit aber erst am Ende des Oratoriums statt: herrliche und prachtvolle Passagen, in denen ein Chor sein Können und auch seine Lust am Singen unter Beweis stellen kann – was natürlich auch bei diesem Konzert wieder überzeugend, aber eben etwas kurz geschehen ist. Lag es etwa auch daran, dass die Kirche diesmal nur halb gefüllt war?